Jochen trifft …

Am Berg nur im Team

Gepostet von am April 18, 2016 in Jochen trifft ... | Keine Kommentare

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Markus Amon (http://www.markus-amon.at/) ist Bergführer, Bergsteiger, Extremsportler und Flugretter. Ich habe Markus während meiner wunderbaren Wanderung durch das Solu Khumbu kennengelernt und bin im heute noch dankbar, dass er mich mit seiner Ruhe und seinem Wissen sicher auf den Island Peak (6189 Meter) gebracht hat.

Jochen: Hi Markus, Dank Dir für Deine Zeit. Wir haben ja wunderbare Tage im Himilaya gehabt und ich habe Dich dort in den Bergen rund um den Mount Everest absolut in Deinem Element erlebt. Wann hast Du Deine Liebe zu den Bergen entdeckt? Gab es da ein spezielles Erlebnis?

Markus: Ich bin in den Bergen unterwegs seit ich denken kann, mein Opa hat mich sicher dazu gebracht indem er mich schon als ganz kleines Kind dort hin mitgenommen hat…somit ist es für mich ein Lebensinhalt geworden, besser gesagt eine Lebenseinstellung!

Jochen: Was fasziniert Dich daran Berge zu erklimmen oder Ultra-Marathons zu laufen?
Markus: Die Möglichkeit über sich selbst hinaus zu wachsen und sich durch eine gute Vorbereitung so zu konstituieren das man dies tatsächlich ohne sich zu Schaden schaffen kann. Eigenverantwortung und Körpergefühl kombiniert sich in diesem Tun!

Jochen: Wie wichtig ist dass Team bei Deinen Unternehmungen? Und wie gehst Du mit Problemen in Deinen Teams um?

Markus: Ohne ein funktionierendes Team ist eine Unternehmung, eine Expedition ein schwieriges und vor allem einsames Unterfangen. Das Team gibt halt , ein Gefühl von Sicherheit und letztendlich auch Kraft Dinge umzusetzen. Probleme und Reibungspunkte gibt es in jedem Team, das kann beflügeln aber führt nicht angesprochen fast immer zu einem echten Problem. Daher Probleme ansprechen und dabei nicht vorwurfsvoll agieren….. oft genügt es seinem Gegenüber das eigene Empfinden mitzuteilen um Situationen zu entschärfen…

Jochen: Du machst ja auch Solo-Besteigungen? Ist Bergsteigen dennoch Teamwork?

Markus: Ohne Team ginge vieles wie erwähnt gar nicht bis kaum und ein funktionierendes Team ist die Basis für einen Erfolg!. Am Tag X bin ich dann aber gerne „alleine“ unterwegs denn Schnelligkeit ist in der Höhe sehr oft Sicherheit. Ein sogenannter Partner kann dich in ganz großen Höhen sowieso nicht unterstützen. Die Kameradenhilfe ist dort oben definitiv eine Illusion, einzig die für mich befreiende Einsamkeit ist aber doch für viele Gleichgesinnte dort oben „Erdrückend“ und hemmend!

Jochen: Musst Du kreativ sein beim Bergsteigen? Oder vor allem die bekannten Pfade beherrschen und meistern?
Markus: Ich bezeichne es eher als ein situatives Handeln, was eine gewisse Kreativität sicher beinhaltet. Allerdings ist die kognitive Leitsungsfähigkeit in der ganz großen Höhe doch sehr eingeschränkt. Da ist es mir wichtig auf Erfahrungen und vorbereitete“ Rezepte“ zurückgreifen zu können um aus der mir sich bietenden Ist-Situation das maximale herausholen zu können.

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Jochen: Du machst auch Leadership-Trainings für Manager. Was können Manager beim Bergsteigen lernen?
Markus:Ich war und bin immer wieder am Outdoortag bei solchen Trainings als Sicherheitskraft (z.b. bei Abseilübungen) dabei. Viele Dinge für den Management-Berufsalltag können im Outdoor-Teamtraining gelernt werden. Speziell das Vertrauen zu sich selbst aber insbesondere an seine Mitarbeiter spielt dabei immer mehr eine Rolle.

Jochen: Und wieviel Leadership braucht ein guter Bergführer?
Markus: Viel, ohne diese Eigenschaften wird man sehr bald an seine Grenzen kommen. Wenig in Bezug auf die Bergziele, vielmehr im Umgang mit seinen anvertrauten Kunden. „Situationselastisch“ heißt das Zauberwort, aber insbesondere ist es nicht wichtig der Kümmerer für alle zu sein, wichtig ist vielmehr allen die individuell notwendige Unterstützung zur Selbsthilfe zu geben, für Sicherheit zu sorgen, dann stellt sich der Erfolg scheinbar von selber ein…

Jochen: Wenn Du Dir eine Innovation wünschen würdest fürs Bergsteigen? Was wäre das?
Markus: Die Industrie hat schon so viele Dinge die einem das Bergsteigerleben erleichtert auf den Markt gebracht, unvorstellbar für mich ist dabei die Situation unserer bergsteigerischen Vorgänger und Pioniere, mit welch zum Teil primitiven Mitteln sie unterwegs sein mussten. Ich kann mir wenig vorstellen was mir jetzt noch abgeht, aber es wird sicher noch so einiges daherkommen, ich bin mit den jetzigen und verfügbaren Dingen sehr zufrieden!

Jochen: Dank Dir für Deine Zeit und viel Erfolg für Deinen nächsten Gipfelsturmpläne.

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Rock n´Roll ist (fast) wie Design Thinking

Gepostet von am September 4, 2015 in Jochen trifft ... | Keine Kommentare

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Johannes Meyer unterstützt neben der Konzeption und Moderation offener Methodentrainings, Organisationen in kompakten Formaten dabei, Design Thinking auf eigene Innovations-fragestellungen anzuwenden. In zahlreichen Projekten hat er Teams aus verschiedenen Industrien bei der kreativen Entwicklung von Produkten, Services, Marken und Prozessen begleitet.
Er war als Lehrer in Sri Lanka und studierte in Potsdam und Atlanta Kulturwissenschaften, Medien und Betriebswirtschaft. Nach dem Zusatzstudium an der D-School wurde er Design Thinking Consultant bei SAP und arbeitete an Innovationen für Rechnungswesen, Handel und Banken. Neben seiner Arbeit ist er Sänger der Berliner Rockband DOWN TO NINE, begeisterter Koch und Rucksackreisender.

 

Jochen: Hallo Johannes, toll, dass Du Dir Zeit für ein Interview nimmst. Ich kenne Dich ja vor allem von der „Workshop-Bühne“ als wunderbaren Moderator von Design Thinking Workshops – was hält denn der Rocker in Dir von Deiner „Bühneshow“ bei Workshops?

Johannes: Vielleicht überrascht das, aber zwischen Workshops und einem Auftritt mit einer Rockband gibt es unglaublich viele Parallelen: Es geht darum Menschen mitzureißen, einen „Flow“ entstehen zu lassen – dabei sich selbst als Person treu zu bleiben und im Team zu funktionieren. Dabei findet jeder seine goldene Mischung aus akribischer Vorbereitung und Improvisation.

Jochen: Und wie würde das klingen, wenn der Design-Thinker bei der Band zum Mikrophon greifen würde?

Johannes: Tatsächlich ist eine Band aus meiner Sicht auch nichts anderes als ein komplexes Designteam. Eine Gruppe von Menschen mit verschiedenen Stärken, Schwächen und Perspektiven versucht in einem gemeinsamen kreativen Prozess etwas zu schaffen, das vorher noch nicht da war. Dabei kommen meiner Meinung nach viele Design-Thinking-Prinzipien zum Tragen.

Jochen: Das interessiert mich nun. Hast Du da Beispiele dafür?

Johannes: Auch in der Musik gibt es so etwas wie qualitative Designforschung – also Gelesenes, Gehörtes, neu Kombiniertes, das einen inspiriert. Nichts kommt von nichts. Dabei darf man sich nicht auf das beschränken was Hörer sich wünschen, denn dann kopiert man letztendlich nur Dinge, die es schon gibt.

Und dann: Auch musikalische Ideen müssen durch Machen bzw. Spielen und Ausprobieren weiterentwickelt werden. Je mehr man nur redet, desto ermüdender wird es, da bei vier verschiedenen Instrumenten sowieso jeder eine andere Sprache spricht und man sich ständig missversteht. Das gleiche kennt man aus Meetings, in denen allein durch diskutieren komplexe Innovationsfragestellungen gelöst werden sollen. Egal ob im Proberaum oder im Innovationsprojekt – man beschäftigt sich mit Dingen, die noch nicht da sind. Ohne ausprobieren, zeigen, anschaulich machen geht es einfach nicht.

Jochen: Ein Instrument spielt sich eben auch nicht von alleine. Welche Übereinstimmung siehst Du noch?

Johannes: Kreative Arbeit in einer schreibenden Band braucht aus meiner Sicht eine Menge Disziplin. Jemand muss den Prozess moderieren, Entscheidungen erzwingen, der Schlagzeuger muss auch mal still sein können (natürlich ein völlig zufällig gewähltes Beispiel). Diesen Bedarf an Struktur sehe ich auch in Innovationsprojekten.

Desweiteren werden unsere Rocksongs bei uns so wie Produkte und Services iterativ entwickelt: Von einem kleinen Fragment, das aufgenommen wird über viele Proberaumaufnahmen zum schicken Studio-Track. Wir haben auch schon Stücke auf der Bühne „geprototyped“, die noch nicht fertig waren, zu denen wir aber Feedback von unseren Fans brauchten.

Und schlussendlich: Das Ganze ist anstrengend, erfordert Geduld, Empathie und viel Zuhören. Wenn einem einzigen Teammitglied die Konzentration fehlt ,wird es für alle unproduktiv und man sollte lieber eine Pause machen.

Jochen: Viele Menschen verzweifeln meiner Meinung nach oft an dem Glauben, sich entscheiden zu müssen zwischen verschiedenen Vorlieben oder Dingen, die man gerne tut und auch gut kann. Du lebst das UND finde ich sehr gut und bist Design Thinker UND Musiker. Wie fühlt sich das UND an für Dich?

Johannes: Völlig gut natürlich – halt Rock n´ Roll den ganzen Tag. J

Jochen: Was ist denn dann Dein Tip für alle, die im „ENTWEDER – ODER“ feststecken?

Johannes: Vielleicht liegt eine mögliche Lösung darin, den gemeinsamen Kern von Liebhabereien und Projekt oder Job hauszuarbeiten? Was steckt wirklich dahinter, wenn du lieber ein Café hättest als ins Büro zu gehen? Ist es die alchemistische Kunst am Kaffee? Das Gastgeber sein? Oder das Gefühl einen „eigenen Laden“ zu haben? Vielleicht sind solche Dinge ja auch im Job vorhanden oder integrierbar und können als übergreifende Eigenschaft ausgelebt werden.

Jochen: Thema „kreativ sein“ – wir reden ja in unseren Workshops viel vom „kreativ sein“ und was es dafür braucht. Stimmt das so für Dich als Rockmusiker auch? Wie bist Du beim Musikmachen kreativ? Und kann sich der Design Thinker da noch was abgucken davon?

Johannes: Das ist eine wirklich spannende Frage.

Eine neue Idee entsteht in unserer Band meist aus einem Wechsel aus alleine zu Hause rumklimpern, im Proberaum gemeinsam probieren, dann wieder alleine Texte schreiben, gemeinsam probieren, bis am Ende einer den Deckel drauf macht und sagt: Aus all diesen Experimenten schlage ich diesen fertigen Song vor!

Jochen: Das heißt, ihr sitzt dafür nicht alle die ganze Zeit gemeinsam im Studio?

Johannes: Nein, absolut nicht. Dieser kreative Prozess hat interessanterweise eine ganze Menge eher kontemplative Rückzugsphasen. Ich glaube, dem könnten wir im Design Thinking oft noch mehr Raum geben.

Jochen: Vielleicht so, wie das in der Theory U gemacht wird? Spannende Übereinstimmung.

Johannes: Ja, zum Beispiel! Wenn wir Teamarbeit als Zusammenarbeits-Imperativ erzwingen, überfordern wir manche Menschen, die einfach auch ein stilles, zurückgezogenes Ambiente zum kreativ sein brauchen. Interessanterweise habe ich für mich erkannt: Auch wenn ich viel auf Bühnen stehe, sind meine Kreativ- und Erholungsphasen solche, in denen wenig passiert und ich allein bin. Letztens hat mir jemand gesagt, dass das dafür spricht, dass ich eigentlich ein introvertiert veranlagter Mensch bin. Wenn ich das Menschen in meinen Workshops oder bei Konzerten erzähle, lachen sie mich allerdings aus.

Jochen: Stimmt, das mag man Dir als „Rampensau“ so gar nicht zutrauen. Ich kenne das aber auch von mir! Letzte Frage: wann starten wir unser nächstes Buchprojekt und über was wollen wir schreiben?

Johannes: Als ich englische Linguistik studiert habe wollte ich ein Buch nur über das Wort FUCK schreiben, und träumte davon wie es, in roten Samt eingebunden und mit goldenen Lettern in Universitätsbibliotheken stehen würde. Das Projekt ist noch offen.

Davon abgesehen – wann sollte man ein Buch schreiben? Wenn man etwas zu sagen hat? Lass uns eins schreiben wenn wir glauben etwas verstanden zu haben.

Jochen: Darauf freue ich mich heute schon. Vielen Dank für Deine Zeit und weiterhin viel Spaß beim Rocken und Workshopen.

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Photo von Boris Kownatzki von b.bildert.

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„Du spürst, wenn die Kreativität raus will“

Gepostet von am August 31, 2015 in Jochen trifft ... | Keine Kommentare

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Der deutsche Trompeter Thomas Siffling ist bekannt für den progressiven Einsatz elektronischer Erweiterungen im Jazz. Seit Jahren gehört zu den Vorreitern und Wegbereitern der „Jungen“ deutschen Jazzszene und machte sich einen Namen bei unzähligen Gastauftritten auf der ganzen Welt (Russland, Indien, Sri Lanka, Kanada und ganz Europa).

Selbst sieht er sich als Grenzgänger, der Genres verbindet und Rahmen sprengt, Jazz und Popmusik aufeinander treffen lässt, diese durch elektronische Elemente erweitert und aber nie seine musikalischen Wurzeln außer Acht lässt.

Thomas Siffling kreiert eine wundervolle, intensive Klangerfahrung, die durch die Verschmelzung natürlicher und elektronischer Sounds entsteht. Eine Klangerfahrung, die nicht zuletzt dank seiner eigenen Kompositionen weltweit Anerkennung findet.

Seit 2004, also nunmehr 10 Jahren, ist er als Kurator für diverse Projekte im Bereich Musik, Kunst und Kultur tätig, immer mit der Maxime Raum für Innovation, Kreativität und Begegnung zu schaffen.

 

Jochen: Hi Thomas, vielen Dank, dass Du Dir Zeit nimmst für ein paar Fragen von mir. Du bist Trompeter, Bandleader, Komponist, hast ein eigenes Label, organisiert Festivals – bei solch einer Vielfalt: ist das mehr Stress oder willkommene Abwechslung für Dich?

Thomas: Na über all zu viel Freizeit kann ich mich sicherlich nicht beklagen –  aber Spaß beiseite: Meine wirklich vielfältigen Betätigungsfelder erfordern einen strikt durchgeplanten Tagesablauf, denn sonst wäre das alles nicht zu bewerkstelligen. Da ich aber ein strukturierter Mensch bin, fällt mir das nicht allzu schwer.

Interessant wird es natürlich auf Konzertreisen, da man da die tägliche Routine nicht mehr hat. Dafür habe ich ein System, dass ich immer und von überall auf alle meine Daten zugreifen kann. Insofern ist das arbeiten von fast jedem Platz in der Welt möglich. Sicherlich hilft mir aber auch ein gut funktionierendes Büro mit meiner Assistentin Laura und meinem Pressechef Christian sehr.

Jochen: Du bist von berufswegen kreativ – fällt Dir das immer leicht? Bzw. was brauchst Du, um kreativ zu sein?

Thomas: Nein ganz und gar nicht. Denn Kreativität braucht eigentlich Zeit, und das ist das, was ich in der Regel sehr wenig habe.

Ich muss mir von daher die Zeit nehmen kreativ zu sein. Der erste Schritt muss aber im Kopf passieren. Du musst auch bereit sein, kreativ zu werden. Man kann das nicht erzwingen. Ich brauche, sehr zu meinem Leidwesen, immer einen relativ hohen Druck bis ich wirklich anfange kreativ im musikalischen Prozess zu werden. Die alltägliche Kreativität im kuratieren im Marketing und in der Label Arbeit fällt mir da schon einfacher.

Jochen: Wie würdest Du denn Kreativität definieren?

Thomas: Du spürst Sie, wenn Sie da ist oder besser gesagt raus will. Raus will sie z.B. beim Komponieren oder bei Erschaffen von etwas neuem. Plötzlich ist es da und du spürst es und es fühlt sich gut an. Sei es eine tolle Melodie oder eine Idee für eine Konzertreihe. Ist egal du spürst dass es da ist. Sei es bei einem Konzert, wenn du in der Musik aufgehst, und spürst, dass es wie von alleine läuft.

Jochen Du machst Dir neben Deiner Musik auch viele Gedanken, wie Du davon gut leben kannst. Wie kommt es,  wo doch die viele Musiker sich ganz ihrer Kunst widmen?

Thomas: Ich will mich natürlich auch ganz der Kunst widmen, aber will dabei auch nicht auf ein für mich „gutes“ Leben verzichten. Durch meine Vita habe ich schon früh vielseitige künstlerische Betätigungsfelder gehabt, die mir sicherlich dabei helfen meinen/unseren Lebensstandard aufrecht zu halten.

Generell geht es aber auch da immer um Kunst und Kreativität. Denn meiner Meinung nach, genügt es Heute auch nicht mehr, „nur“ noch Künstler zu sein. Du musst lernen dich selbst zu vermarkten, Dir Gedanken machen über eine Karriereplanung, Konzerte organisieren, Musik schreiben etc. pp. Also ein vielschichtiger Beruf.

Allerdings bewundere ich auch die Kolleginnen und Kollegen, die nicht bereit sind Kompromisse zu machen und die wirklich nur für Ihre Musik leben.

Jochen: Also muss ein Musiker heutzutage auch Geschäftsmann sein? Und wenn wo kann er das dann lernen?

Thomas: Wie oben beschrieben gehört meiner Meinung nach Heute viel mehr dazu als „nur“ ein guter und toller Musiker zu sein. Du muss heutzutage auch einen gewissen Sinn fürs Geschäft haben. Anders wirst du dich sonst aus der großen Masse nur noch mit sehr sehr viel Glück hervorheben können.

Das ist meiner Meinung nach das große Problem an unserem Ausbildungssystem. Der neuen Situation wird, wenn überhaupt nur am Rande, Rechnung getragen. Es wird viel zu viel ausgebildet, und dabei vergessen, dass man eben neben seinem Handwerk auch das Drumherum lernen muss.

Jochen: Dein Sohn trommelt ja schon eifrig auf seinem ersten Schlagzeug – kann er da was von seinem Vater dem Musiker lernen?

Thomas: Na ja der erste Hype ist schon wieder vorbei. Er trommelt nur noch wenn Freunde da sind um anzugeben.

Aber das kommt sicherlich wieder wenn er wieder regelmäßig auf Konzerten ist.

Ich denke er lernt keine Kreativität, er sieht eher wie sein Vater viele Sachen vielleicht etwas anders und entspannter macht. Wir versuchen im viel Freiheit zu lassen aber doch auch klare Grenzen zu ziehen, damit er sich entfalten kann und dann auch natürlich in einer Art und Weise kreativ wird. Er darf uns soll viel ausprobieren und wir trauen ihm auch viel zu bzw. lassen ihn Sachen auch ausprobieren.

Jochen: Du hast als Leiter der SAP Big Band mit ganz viel IT-Experten in der Band zu tun – Glück oder Herausforderung?

Thomas: Beides. Glück dass ich das Glück, habe eine Big Band formen und musikalisch nach vorne bringen zu dürfen, was mir immer noch sehr viel Spaß macht.

Herausforderung sicherlich ab und zu mit der Mentalität, die dann doch ab und zu sehr verschieden zu meiner sein kann. Aber alles in allem ist es eine wirklich glückliche Ehe mit ganz normalen Hochs und Tiefs. Ich von meiner Seite kann und will nicht klagen.

Jochen: Last but not least: ich spiele ja bald das gleiche Instrument wie Du und freue mich riesig drauf. Wie wichtig ist denn gutes Werkzeug für die Kunst?

Thomas: Das Werkzeug wie Du so schön sagst gibt uns ja erst die Möglichkeit unsere Kreativität oder unsere Musik in unserer persönlichen Art erklingen und erstrahlen zu lassen.

Insofern ist es ganz wichtig das richtige Werkzeug zu haben um sich auf der Seite sehr wohl zu fühlen und das Gefühl zu haben alles auch so ausdrücken zu können wie man es sich musikalisch vorstellt. Ohne Kompromisse. Auch wenn die Trompete ein Instrument ist das immer wieder neu erobert werden will und muss J

Manchmal ist die Reise eine lange und schmerzvolle und manchmal will es der Zufall dass man gleich zum richtigen Material geführt wird. Wobei man bei seiner musikalischen Entwicklung durchaus das Ein oder Andere mal nachjustieren muss und darf.

Jochen: Dank Dir und ich freue mich bald wieder was Neues von Dir zu hören.

 

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„Design Thinking ist wie ein Besuch beim Optiker“

Gepostet von am Februar 10, 2015 in Jochen trifft ... | Keine Kommentare

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Der Design Thinking Coach Ferdinand Grah ist ein Kind des Ruhrgebiets und inspiriert von der stetigen Neuerfindung dieser Region. Er fand früh seine Leidenschaft zur Kreativität und Innovation. Dies spiegelte sich u.a. in seiner Tätigkeit als Kabarettist und Musiker wieder. Er hat insgesamt 4 Bühnenprogramme geschrieben, so dass Storytelling, kreatives Schreiben, Improvisation und Spontanität absolut keine Fremdwörter für ihn sind.

Ach ja, und die typischen Eigenschaften des “Ruhrpöttler” besitzt er natürlich auch. Er trägt sein Herz am rechten Fleck, ist direkt, mit beiden Beinen auf dem Boden und ein klein wenig verliebt in diesen Dortmunder Fußballverein.

In seiner beruflichen Tätigkeit als Senior Expert, in den Bereichen  Produkt-, Prozess- und Service Design, war er u.a. bei IBM und Porsche beschäftigt und hat mit über 18 Berufsjahren ein breites Spektrum an Erfahrungen gesammelt.

Ferdinand Grah ist Absolvent des Professional Education Program der HPI School of Design Thinking in Potsdam, einem Schwesterinstitut der d.school in Stanford, sowie Absolvent der Porsche Akademie zum Thema Lean Management und schlanke Produktentstehung.

Daneben verfügt er über ein ausgeprägtes Netzwerk zu Design Thinkern und Lean Experten in der ganzen Welt. Auf Symposien und Veranstaltungen spricht er regelmäßig  zu den Themen Innovation, Design Thinking, Lean Thinking und Kreativität.

…und wenn er mal nicht über neue Ideen redet, liebt er drei Dinge: Seine Familie, Jazz und Bücher.

 

Jochen: Hi Ferdi, vielen Dank, dass Du Dir ein wenig Zeit nimmst für ein paar Fragen von mir. Da ich weiss, wofür Dein Fussballherz schlägt, liegt die erste Frage auf der Hand: was ist mit Deinem BVB los?

Ferdi:  Also da sag ich nur “Fail early and often”, wobei die Betonung ganz klar auf  “often” liegt! Bloss nicht nervös werden!

Jochen:  Kann da vielleicht Design Thinking helfen?

Ferdi: Ja natürlich, alleine die Erkenntnis, dass man aus den Fehler lernt. Wobei mir wichtig ist, dass die Betonung darauf liegt, AUCH aus Fehlern zu lernen, da man immer natürlich auch aus den Dingen lernt, die man richtig gemacht hat. Hier hilft mir immer das Feedback Grid  (“I like, I wish, Ideas, Questions) Aber auch das nicht zu schnell Aufgeben ist hier sicherlich eine Hilfe, Geduld haben und immer wieder iterieren, ausprobieren, lernen und reflektieren.

Jochen: Wobei kann denn Design Thinking grundsätzlich helfen?

Ferdi: Bei ganz vielen Dingen finde ich. Für mich ist das eine Art Struktur oder Leitplanke, in der ich mich austoben kann mit meiner Kreativität. Dinge einfach zu tun und nicht nur darüber zu sprechen. Design Thinking hilft hier zu lernen und Dinge anders zu sehen. Für mich ist Design Thinking wie ein Besuch beim Optiker, der mir eine neue Brille verpasst: Du siehst auf einmal Dinge, die du vorher nicht gesehen hast. Daher bedeutet für mich Design Thinking auch „Sehen lernen“. Design Thinking sollte man nicht nur auf den Output beschränken. Lerneffekte hast Du über den gesamten Prozess!

Jochen: Und warum stören dabei Krawatten?

Ferdi: Weil diese die Sauerstoffzufuhr zum Hirn einschnüren! Ich könnte jetzt noch etwas dazu sagen – aber weniger ist ja manchmal mehr – ich lasse das mal einfach so stehen.

Jochen: Du bist Design Thinker UND Lean Thinker. Wie passt das eine mit dem anderen zusammen?

Ferdi: Weniger ist mehr, Dinge zu vereinfachen, zu verschlanken ist im Lean Management sehr wichtig. Dies spielt auch im Design eine wichtige Rolle. Auch das Hinterfragen, so kommt z.B. die Methode 5 Whys aus dem Lean Management. Die verwende ich und andere auch im Design Thinking in der Research Phase. Aber am meisten verbindet die beiden Mind Sets das „Just Do it“ bzw. das “Go and See”

Jochen:  Thema Kreativität: wie und wann und wo bist Du kreativ?

Ferdi: Beim Spazierengehen, beim Musik machen aber eigentlich immer und überall. Manchmal stehe ich sogar nachts auf und schreibe mir Ideen in mein kleines schwarzes Notizbüchlein.

Jochen: Kann man kreativ sein Deiner Meinung nach lernen?

Ferdi: Ja, kann man schon, wobei ich sagen muss, dass ich mich mit dem „ja das kann jeder“ schwer tue, da man auch bestimmte Eigenschaften braucht, wie Empathie, neugierig sein, über den Tellerrand blicken, usw. Diese Eigenschaften hat nicht jeder, so dass ich sagen würde, lernen kann es jeder aber jeder ist dann nicht auf dem gleichen kreativen Level.

Jochen: Und warum haben wir das verlernt?

Ferdi: Wir haben verlernt miteinander zu kommunizieren, ich meine hier miteinander zu sprechen. Mein Jahrgang wird sich wahrscheinlich noch daran erinnern an dieses „miteinander Reden“. Unsere Gesellschaft heute ist hektisch und die Kommunikation findet meistens über Social Media statt und verrückte Dinge zu tun oder auszuprobieren hat keinen Platz.

Jochen: Du machst ja auch Musik –  was kann der Musiker lernen vom Design Thinker? Und umgekehrt?

Ferdi: Um Brad Mehldau zu zitieren: “Im Akt des Versuchens liegt eine wunderbare, starke Erfahrung des Ausdrucks”

Jochen: Letzte Frage: wie geht es aus mit dem BVB? Abstieg oder Champions League? 

Ferdi: Nächste Frage bitte! – Natürlich Champions League!

„Anyone can make the simple complicated. Creativity is making the complicated simple.“
 – Charles Mingus 

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„New is a River, not a Lake“

Gepostet von am November 26, 2014 in Jochen trifft ... | Keine Kommentare

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René Kaufmann ist 1978 im badischen Bruchsal geboren und hat in Berlin und Heidelberg Ethnologie studiert. Während andere eine beruflicheKarriere in einem einzigen Feld einschlagen, gibt sich der 36-Jährige gleich drei Berufen und Berufungen hin: Er führt nicht nur eine Innovationsberatung, sondern ist gleichzeitig Limonadenhersteller und Bierbrauer. 
Während des Studiums führt ihn eine ethnologische Feldforschung zu samoanischen Migranten nach Los Angeles. 2005 startet er seine berufliche Karriere in der qualitativen Marktforschung, um internationale Unternehmen wie Roche, Telekom oder Philips zu beraten.
Durch videoethnographische Projekte, die ihn direkt in Wohnzimmer, Badezimmer oder Arztpraxen führen, erklärt er Marketing- und Innovationsverantwortlichen die alltäglichen Bedürfnisse ihrer Konsumenten. Nach einer Zwischenstation bei der französischen Social Media Intelligence-Agentur Linkfluence gründet er 2014 seine eigene Agentur coalisten.
Sein Lebensmotto fasst René zusammen mit „New is a river, not a lake“. René lebt mit seiner Frau und seinen 2 Söhnen in Heidelberg.

 

Jochen: Toll, dass Du Dir Zeit nimmst für unser Interview. Ich kenne Dich als Ethnologe, Design Thinker, Braumeister und Limonadenerfinder, das klingt nach einem sehr abwechslungsreichen (Berufs-) Alltag. Wie kam es dazu?

René: Eigentlich führe ich in den verschiedenen Rollen nur Fähigkeiten und Talente zusammen, die in meiner Persönlichkeit angelegt sind, bzw. die ich mir im Laufe der Zeit angeeignet habe. Das sind: Neugier und Empathie, Lust an Handwerk und der Wunsch danach, Eigenes zu schaffen statt nur zu konsumieren.

Im Moment versuche ich, daraus einen Lebensentwurf für mich selbst zu machen. Er basiert auf 3 Säulen: Leidenschaft, Experiment und Profit. Die Kurzphilosophie ist ungefähr: “Mach Etwas mit Leidenschaft, weil Du davon überzeugt bist. Etwas, bei dem Du Dich ausprobieren kannst. Und etwas, mit dem Du Geld verdienen kannst”.

Jochen: Beim Thema „Ethnologie“ werde ich natürlich hellhörig — da stelle ich mir Feldforschung bei den letzten noch unerforschten Stämmen in Afrika oder im Dschungel vor. Aber ist das die Realität?

René: Das ist Realität, wenn man sich als Ethnologe für eine akademische Laufbahn entscheidet. Unerforschte Stämme gibt es zwar nicht mehr viele, aber es ist tatsächlich so, das Ethnologen immer noch nach Afrika, Asien oder Australien fahren, um vor Ort Kulturen zu erforschen, indem sie für eine längere Zeit in und mit einer Kultur leben. Die Tendenz geht aber dazu, das westliche Ethnologen in der eigenen Kultur Feldforschung betreiben. Da geht es dann um Subkulturen, Migranten oder sogar den Wissenschafts-betrieb als “Stamm”.

Die zentrale Methode der ethnologischen Feldforschung ist aber noch die gleiche wie seit 100 Jahren: Teilnehmende Beobachtung. Das bedeutet, durch ein Wechselspiel von empathischem Eintauchen in eine Kultur und (halbwegs) objektiver Beobachtung, die Einstellungen, Bedürfnisse oder den Alltag einer Gruppe von Menschen zu verstehen. Danach schreibt man das dann in einer sogenannten Monographie auf. Erst dann ist man ein echter Ethnologe. Echte Feldforschung plus Monographie sind sozusagen der Ritterschlag für einen Ethnologen.

Jochen: Wie kamst Du zu dem Thema?

René: Ich habe Ethnologie und Religionswissenschaften in Berlin und Heidelberg studiert. Während der Zeit in Berlin waren mein Schwerpunkte die Rolle von Religion und Kultur in Migrationssettings. Als Feldforschungsprojekt fuhr ich 3 Monate nach Los Angeles, wo ich mit samoanischen Migranten lebte. Samoa ist eine Insel in der Südsee und die samoanischen Migranten in Kalifornien ahmen Stammes- und Hierarchiestrukturen im Migrationskontext nach. Ich habe vorher Samoanisch gelernt und dort bei einem Pfarrer gewohnt, der praktisch der Häuptling ist. Durch die Feldforschung habe ich viel gelernt über die Anwendung von ethnologischen Methoden aber auch was es heisst, sich inmitten einer doch sehr anderen Kultur zurechtzufinden.

Als ich nach Heidelberg wechselte verschob sich mein Schwerpunkt auf das Thema Konsum und Populärkultur in der westlichen Welt. Ich begann, mit videoethnographischen Methoden, den Einfluss von Kultur auf Konsumpraktiken und -Motive zu erforschen.

Abseits der akademischen Ethnologie haben ethnograpische Methoden der Beobachtung, Interviewführung, Empathieentwicklung, Interpretation und Ideenfindung Eingang in die Wirtschaft gefunden. Das nennt man dann Angewandte Ethnologie (Applied Anthropology) oder Business Anthropology. Viele Methoden und Aspekte beim Design Thinking sind im Grunde übrigens tief ethnologisch. Meine Magisterarbeit hatte dann auch den Titel “Die Ethnologie zu Markte tragen”. Darin habe ich den Weg von ethnographischen Methoden seit den 30er und 40er Jahren in die Wirtschaft nachgezeichnet. Von dort war der Sprung in meinen ersten Job als qualitativer Marktforschung nicht mehr weit.

Jochen: Und wie kannst Du dieses Wissen für Deinen beruflichen Alltag nutzen?

René: Als Ethnologe lernt vor allem drei Dinge: Beobachten, Hinterfragen und Analysieren. Beobachtung ist im beruflichen Alltag unabdingbar, um Menschen zu verstehen. Egal ob Kunden, Kollegen oder Konsumenten. Und ein guter Beobachter kann auch ein Thema holistisch in seinem Kontext erfassen.

Hinterfragen ist leider nicht mehr selbstverständlich und im Beruf sollte man viel öfter Fragen stellen wie: “Machen wir das wirklich richtig? Macht das Sinn wie wir es machen? Was haben unsere Kunden davon, wie wir etwas machen?”.

Und Analysieren müssen wir heute ja sowieso alles: Daten, Informationen, Menschen, uns selbst. Als Ethnologe lernt man finde ich sehr gut, wie man aus Informationen wirklich brauchbares Wissen macht, bzw. welches Wissen für Menschen wirklich Relevanz für ihren Alltag erzeugt.

Alle drei Fähigkeiten zusammen sind keine schlechte Vorraussetzung, um in einer zunehmend komplexen Welt einigermaßen den Überblick zu behalten.

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Jochen: Thema „Bierbrauen“ — Du hast mal einen schönen Artikel drüber geschrieben, wie Bier brauen und Design Thinking zusammenhängt. Erzähl doch mal:

René: Ich habe die zentralen Schritte des Design Thinking — Beobachten& Verstehen, Ideenfindung, Prototyping und Testing — mit dem Prozess des Bierbrauens verglichen. Also nicht das industrielle Brauen von Bier, sondern das handwerklich-kreative Bierbrauen, das gerade eine Rennaissance in der sogenannten Craftbeer-Bewegung erfährt. Da geht es darum, individuelle Biere mit hohem Anspruch an Qualität und Braukunst herzustellen.
Das Vorgehen entspricht im Grunde genau dem Design-Thinking-Ansatz. Man sucht nach Inspiration durch Rezeptrecherche oder fragt Bierkonsumenten nach ihren Vorlieben. Man entwickelt ein individuelles Rezept, experimentiert mit neuen Hopfensorten und macht eine Reihe von Testsuden, um zum perfekten Ergebnis zu kommen, das man dann “implementiert”. Eigentlich eine klassisch iterative Herangehensweise.

Jochen: Ich kenne Dich als neugierigen und offen Menschen — hat das auch mit Deinem Hintergrund als Ethnologe zu tun?

René: Da gibt es sicher gewisse Wechselwirkungen zwischen Persönlichkeit und akademischem Hintergrund. Man muss schon neugierig und offen sein, um so etwas zu studieren. Ethnologie und Religionswissenschaften waren schon immer sehr stark interdisziplinär angelegte Fächer. Während dem Studium liest man Soziologen, Philosophen, Ökonomen bis hin zu Neurobiologen oder Medizinern. Dadurch versteht man Menschen und kulturelle Phänomene in seiner Ganzheit, bzw. wird befähigt, Muster zu erkennen und Erklärungen mit einander zu verknüpfen.

Andererseits sind Neugier und Offenheit Teil meiner Persönlichkeit. Meine Oma wurde im ehemaligen Deutsch-Südwest-Afrika geboren und ich lauschte schon als Kind wie gebannt ihren Kindheitserinnerungen an das Leben in einer fremden, fernen Kultur. In meiner Jugend in den 1990ern war ich dann in der Punk- und Hardcoreszene aktiv. Die war damals ganz stark geprägt von Themen wie Toleranz, Community und einem kritischen Hinterfragen von Gesellschaft oder Macht. Da ging es um gegenseitigen Respekt, ausprobieren, über den Tellerrand schauen, neue Leute kennenlernen, andere Meinungen anhören.

Jochen: Wie geht der Ethnologe durch die Welt? Was gibt es für ihn in einem Städtchen wie Heidelberg noch zu entdecken?

René: Der Ethnologe geht mit wachen Augen durch die Welt. Er beobachtet gerne was Menschen machen und warum sie etwas so oder so machen. Er lernt gerne neue Menschen und Dinge kennen. Er ist offen für Veränderung statt sie als Gefahr zu sehen. Und der Ethnologe hört nie auf zu fragen. Eigentlich ist man ein bißchen wie ein Kind.

In Heidelberg gibt es einiges zu entdecken. Hier werden gerade riesige Konversionsflächen frei und ich bin wahnsinnig gespannt, wie die Stadt und ihre Bürger diese Flächen entwickeln und bespielen werden. Und ich persönlich merke, das junge Menschen wieder hierbleiben anstatt nach Berlin oder Hamburg zu gehen, weil sich in der Kunst-, Kultur- und Kreativszene etwas tut in Heidelberg und Mannheim. Leider ist vor allem Heidelberg aber auch sehr gesättigt und neue Dinge haben es nicht immer ganz leicht.

Jochen: Was kann der Ethnologe vom Design Thinker lernen? Uns was umgekehrt?

René: Am meisten kann der Ethnologe lernen, seine Methoden anwendungs- und praxisorientierter zu verkaufen. Die meisten Ethnologen sind nämlich in Sachen Selbstvermarktung sehr mies obwohl viele ihrer Fähigkeiten und Methoden und Fähigkeiten in der Wirtschaft sehr gefragt sind. Design Thinking ist gerade ein sehr gefragtes Instrument in Unternehmen, um Probleme kreativ zu lösen. Ich kenne aber komischerweise fast keine Ethnologen, die in dem Bereich in Agenturen oder Unternehmen arbeiten und ihre Kompetenzen monetarisieren.

Der Design Thinker kann etwas über die wissenschaftlichen Fundamente von Kultur, Verstehen und Empathie lernen. Wir reden als Berater oder Trainer ja ständig von Begriffen wie Kultur, Kreativität oder Innovation. Aber kaum einer fragt sich, was diese Begriffe im Jahr 2014 eigentlich bedeuten. Klar, es geht darum, Unternehmen kreativ oder innovativ zu machen, aber dazu lohnt sich sicher auch mal ein Blick in die Kulturgeschichte dieser Begriffe. Ich lese zum Beispiel gerade ein Buch des französischen Soziologen Marcel Mauss über das Thema Reziprozität und Tausch. Das ist von 1925 und erklärt den aktuellen Trend der Sharing Economy besser als jedes aktuelle Sachbuch dazu.

 Jochen: Was sind Deine nächsten Pläne? Oder macht der Held mal Pause?

René: Die Heldenpause macht gerade etwas Winterpause. Wir wollen die Limo im Frühjahr 2015 mit neuem Schwung vorantreiben, um Heldenpause jenseits von Heidelberg bekannter zu machen. Das ist bisher ein “Projekt der Leidenschaft”, mit dem wir kein Geld verdienen. Deshalb kümmere ich mich gerade vor allem um neue Kunden und Projekte für meine Agentur coalisten.

Und wirklich ganz, ganz aktuell arbeite ich an der Idee für ein Social Startup. Dabei geht es um eine App, die man benutzen kann, um sich bei jemandem zu entschuldigen und gleichzeitig einen kleinen Geldbetrag an eine gute Sache spendet. Da schließt sich der Kreis, denn diese Idee bringt hoffentlich Leidenschaft, Experimentierfreude und Profit im positiven Sinne zusammen.

Jochen: Da wünsche ich viel Erfolg und bedanke mich recht herzlich für unser Gespräch (und freue mich schon auf unser nächstes gemeinsames Mittagessen im Tati!).

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