Artikel getaggt mit "Beisser"

Anerkennen was ist: Eine Einführung in Gestalttherapie

Gepostet von am April 24, 2013 in Vortrag | Keine Kommentare

Diesen Vortrag habe ich im Rahmen der SAP Coaching Community gehalten. Was ist Gestalttherapie? Was sind Ursprünge, Grundsätze und verwendete Methoden? Welche Haltung verbinde ich mit Gestaltarbeit und wie kann ich Gestalt und Coaching verbinden?

Einfuehrung in Gestalttherapie from Jochen Guertler
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Ich würd ja wollen, wenn ich nur könnt.

Gepostet von am April 23, 2012 in Vortrag | Keine Kommentare

 “Ich würde ja wollen, wenn ich nur könnt” – das war der Titel des Vortrages, den ich heute im Rahmen der SAP Coaching Community gehalten habe.Ich habe mich sehr über das rege Interesse und die lebhaften Diskussion danach gefreut und bin nun mehr denn je am überlegen, wie “Erlebte Gestalt” bei SAP aussehen kann.

 

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Ich würd ja wollen wenn ich nur könnt.

Gepostet von am Januar 19, 2012 in Blog | Keine Kommentare

Nachdem ich in den vorherigen Artikeln einzelne Kapitel aus meiner Abschlussarbeit veröfflicht habe, gibt es nun als Abschluss die komplette Arbeit als PDF.

Ich würd ja wollen wenn ich nur könnt.

Über den Wunsch nach Veränderung und Wachstum und einen gestalttherapeutischen Weg dorthin.


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Freiheit und Verantwortung

Gepostet von am Januar 2, 2012 in Allgemein | Keine Kommentare

Nachdem ich im ersten Teil beschrieben haben, woher der Wunsch nach Veränderung im Gestaltsinne komme, möchte ich mich nun der Frage widmen, ob der Mensch überhaupt die Freiheit hat, „sich zu verändern“. Und wer letztendlich die Verantwortung dafür trägt.

Schicksal und was daraus entstehen kann

Arnold Beisser ist 25 Jahre alt und auf dem Weg nach Europa, in dem gerade der 2. Weltkriegt wütet, um dort als Kriegsberichterstatter zu arbeiten, als er völlig überraschend an Polio (Kinderlähmung) erkrankt, einer zu dieser Zeit noch unheilbaren Krankheit.

Bis dahin lebte er den amerikanischen Traum vom „Alles ist möglich, wenn man es nur versucht“. Er ist nationaler Tennis-Champion und einer der jüngsten Professoren der amerikanischen Universitäts-Geschichte. Von heute auf morgen ist Beisser fast komplett gelähmt und für viele Monate an die „eiserne Lunge“ gefesselt, die ihn zu Beginn seiner Krankheit am Leben erhält. Mit einem Mal ist sein bisher so geradlinig und zielstrebig geplantes Leben dahin, ein Schicksalsschlag, der sein Leben auf nachhaltigste Weise verändert.

Er trifft irgendwann auf Fritz Perls und wird ihm Freund und Schüler. Seine paradoxe Theorie der Veränderung (auf die ich an späterer Stelle noch eingehen werde), wonach Veränderung nicht dadurch geschieht, indem man sich darauf konzentriert, etwas unbedingt ändern zu wollen, sondern indem man zuallererst akzeptiert was ist, wird ein zentraler Bestandteil der modernen Gestalttherapie. Er leitet, an den Rollstuhl gefesselt, für viele Jahre eine psychiatrische Klinik, hat Frau und Familie und stirbt 1990 nach einem erfüllten und reichen Leben.

Bucky Kantor ist ungefähr im gleichen Alter wie Beisser, als er im Jahr 1944 ebenfalls an Polio erkrankt. Er ist Sportlehrer und begnadeter Turmspringer und betreut zu diesem Zeitpunkt in Newark Schülerinnen und Schüler während deren Sommerferien. Viel lieber wäre er aber wie alle seine Freunde an der Front in Europa. Aufgrund seiner extremen Kurzsichtigkeit aber wurde er als untauglich eingestuft. Eine „Schmach“, die ihm schwer zu schaffen macht, und die er mit einem beinahe krankhaften (neurotischen?) Verantwortungsbewusstsein für seine Schülerinnen und Schüler auszugleichen versucht.

Auch Kantor muss für viele Monate in die „eiserne Lunge“, und ist danach für immer „ein Krüppel“, wie er selbst sagt. Er ist zwar an keinen Rollstuhl gebunden, kann sich aber nur noch mit Krücken und unter größten Kraftanstrengungen bewegen.

Obwohl ihm seine Verlobte ihre Liebe mehrfach beteuert und ihn ohne Zögern auch mit seiner Behinderung heiraten will, vertreibt er sie aus seinem Leben und wird ein eigenbrötlerischer und frustrierter Mann, der alleine Gott für sein Schicksal verantwortlich macht. Er stirbt nach vielen Jahren einsam und verbittert mit der tiefen Überzeugung, dass Gott und die Welt gegen ihn waren.

Bucky Cantor ist im Gegensatz zu Arnold Beisser keine reale Person, sondern  die Erfindung von Philip Roth, der Bucky´s Geschichte in seinem Roman „Nemesis“ erzählt (dessen Lektüre ich nur empfehlen kann, auf den ich aber an dieser Stelle nicht weiter eingehen werde). Mehr oder weniger zufällig habe ich Arnold Beisser´s Autobiografie „Wozu brauche ich Flügel“ und Bucky Cantor´s Nemesis parallel gelesen. Zwei mehr oder weniger identische Schicksale mit so unterschiedlichen Auswirkungen für das weitere Leben der beiden Betroffenen.

Hineingeworfen ins Leben

Sowohl der reale Lebenslauf Beisser´s als auch der fiktive Cantor´s zeigen, dass ein Mensch natürlich äußeren Einflüssen unterworfen ist.

Eine plötzliche, schwere Krankheit, der überraschende Verlust des Arbeitsplatzes, der unerwartete Tod eines mir wichtigen Menschen. Das alles sind Ereignisse, die letztendlich nicht in unserer Macht stehen. Genauso wenig wie wir uns unsere Eltern (und deren Erziehungsmethoden) aussuchen konnten, oder die Zeit, das Land und die gerade herrschenden Umstände, in die wir durch unsere Geburt „hineingeworfen“ wurden. Wir alle sind ständig materiellen, politischen und sozialen Umständen unterworfen, die wir häufig auch nicht ändern können (zumal nicht in jedem von uns ein Mahatma Ghandi oder Martin Luther King steckt).

Dieses scheinbare „Ausgeliefertsein“ steht nun im auf den ersten Blick krassen Gegensatz zu der Aussage von Fritz Perls, für den „die volle Verantwortung für sein Leben zu übernehmen“ die Grundvoraussetzung für Veränderung und persönlichem Wachstum ist.

Existenzialismus

In dieser Aussage wird der Einfluss des Existenzialismus auf die Gestalttherapie deutlich. Der Mensch hat dabei zwar grundsätzlich immer die Freiheit zu entscheiden, nur meist in einem mehr oder weniger eng gesteckten Rahmen. Er ist, wie es Jean-Paul Sartre etwas überspitzt formuliert, „verurteilt frei zu sein. Verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, andererseits aber dennoch frei, da er, einmal in die Welt geworfen, für alles verantwortlich ist, was er tut.“

Das Sartre-Zitat lässt ahnen, warum das Bewusstsein von Verantwortung so oft eher als belastend, denn als befreiend empfunden wird. Denn die Welt, in der ich Verantwortung übernehmen soll, kann ich mir nicht oder nur in sehr eingeschränktem Masse selbst wählen. Und oft sind die verbleibenden Möglichkeiten so, dass man sich der Verantwortung lieber entziehen möchte, statt sie mit allen Konsequenzen zu tragen.

Bucky Cantor hat sich dieser Verantwortung entzogen, indem er alleine Gott verantwortlich macht. Arnold Beisser stellt sich irgendwann dieser Verantwortung. Wer weiß was passiert wäre, wenn auch Bucky Cantor zur richtigen Zeit auf Fritz Perls getroffen wäre?

Freiheit und Verantwortung

Wir haben als Mensch offensichtlich oft nicht die Freiheit, die Umstände, in denen wir leben, zu wählen, und wir tragen oft auch nicht die Verantwortung dafür. Wir haben aber als Mensch immer die Freiheit und die Verantwortung uns zu entscheiden, wie wir auf diese Umstände antworten oder reagieren, welche Bedeutung wir ihnen geben. Diese Freiheit und Verantwortung kann man einem Menschen nicht abnehmen. Man kann sie ihm aber auch nicht wegnehmen, es sei denn man bringt ihn um den Verstand oder um sein Leben.

Der Klient, der mit dem Wunsch nach Veränderung zu einem Gestalttherapeuten kommt, wird oft genau diese Verantwortung nicht übernehmen wollen, aber wohl auch die damit verbundene Freiheit nicht sehen.

Auf dem Weg zu einer nachhaltigen und ganzheitlichen Veränderung kann es dann ein wichtiger Schritt sein, ihm diese Verantwortung „aufzubürden“, zuzumuten aber auch zuzutrauen. Ihm aber gleichzeitig immer und immer wieder auch seine Freiheit und die damit verbundenen Wahlmöglichkeiten im Hier und Jetzt bewusst zu machen. Denn „ohne Bewusstheit“, so Fritz Perls, „gibt es keine Kenntnis einer Wahlmöglichkeit“.

Ich habe dafür immer das Bild einer Weggabelung vor mir. Und vielleicht ist der Weg vom Wunsch nach Veränderung hin zu Veränderung und Wachstum auch ein kontinuierliches Bewusstmachen von genau dieser Entscheidungsfreiheit, ob es „links“ oder „rechts“ weitergeht.

Oder um es mit den Worte von Fritz Perls zu sagen: „Solange man ein Symptom bekämpft wird es schlimmer. Wenn man Verantwortung übernimmt für das, was man sich selber antut, wie man seine Symptome hervorbringt, wie man seine Krankheit hervorbringt, wie man sein ganzes Dasein hervorbringt – in dem Augenblick, in dem man mit sich selbst in Berührung kommt – beginnt Wachstum, beginnt die Integration, die Sammlung“.

Diesen Artikel als PDF zum Download gibt es hier.

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Schicksal und was daraus entstehen kann

Gepostet von am August 3, 2011 in Blog | Keine Kommentare

Manchmal kommt doch in der Tat das eine zum anderen.

Bei mir nun in diesem Fall zwei Bücher, in denen sich, obwohl ganz unterschiedlich in Stilrichtung und Intention, interessante Gemeinsamkeiten entdecken lassen.

Da ist zum einen ein Klassiker der Gestalttherapie-Lehrliteratur: Arnold Beisser´s Wozu brauch ich Flügel, in dem Beisser über sein Leben erzählt.

Vom Leben als gefeierten Tennis-Champion, der zudem schon in sehr jungen Jahren zu Doktorwürden kommt. Der „mitten im Leben steht“ und dem wohl jeder fast alles zugetraut hat.

Der dann aber auf den Weg in den 2. Weltkrieg plötzlich und unerwartet an Kinderlähmung (Polio) erkrankt. Eine Krankheit, die damals noch unheilbar war, und eine Krankheit, die ihn für viele Monate in die „eiserne Lunge“ zwingt. So gefesselt und seines bisherigen Lebens (und Körpers) beraubt, fängt Beisser an nachzudenken über sich und sein Leben.

Weit weniger autobiographisch und rein fiktiv: Phillip Roth´s Nemesis.

In dem Roth eine (erfundene) Polio-Epidemie in Newark im Jahre 1944 als Rahmen dient.

(Tragischer) „Held“ und Mittelpunkt ist der Sportlehrer Bucky Cantor, der auf Grund seiner extremen Kurzsichtigkeit untauglich für den Weltkrieg ist. Ein Krieg, in dem seine besten Freunde für Amerika in Europa kämpfen.

Bucky betreut stattdessen über die Sommerferien Kinder. Zuerst auf dem städtischen Sportplatz und später in einem Zeltlager. Und jedesmal holt ihn die Kinderlähmung ein, die zahllose Kinder zu Krüppel macht oder in den Tod reisst. Kurz vor Ende der Epidemie erkrankt auch Bucky und überlebt nur knapp. Aber für immer verkrüppelt.

Wäre Roth ein Fotograf und Nemesis eines seiner Fotografien,  würde ich Roth´s Stil als „gestochen scharf“ beschreiben. Denn beim Lesen hatte ich nicht das Gefühl, dass auch nur ein Wort zu viel oder unnötig gewählt ist.

Schicksal und die Konsequenzen

Doch mir geht es hier nicht um Literaturkritik, mir geht es um die zwei Menschen (der eine real und der andere fiktiv), die im Grunde mit dem gleichen Schicksal (-sschlag) konfrontiert werden. In dem sie an Kinderlähnmung erkranken, wodurch sich ihre komplette Lebensplanung auf den Kopf stellt. Doch so ähnlich dieser Schicksalsschlag ist, so unterschiedlich die Konsequenzen für die beiden.

Während Bucky am Ende des Buches nicht nur körperlich verkrüppelt ein einsames und verbittertes Leben lebt, (weil er der Frau, die ihn liebt, nicht mit einem Krüppel wie er es ist, „belästigen“ möchte und sie regelrecht aus seinem Leben „vertreibt“), und Gott die Schuld gibt für das Leid, das ihm und der Welt widerfährt, wird Beisser Leiter einer psychatrischen Klinik und angesehener Gestalttherapeut, der mit seinem „Paradoxon der Veränderung“ einen zentralen Aspekt der Gestalttherapie formuliert und geprägt hat:

Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist, nicht wenn er versucht, etwas zu sein, was er nicht ist.

Das Paradoxon der Veränderung

„An allen Fronten vernichtend geschlagen, musste ich lernen, aufzugeben und anzunehmen, wie ich geworden war und nicht hatte sein wollen. Aus meiner Aufgabe und der Annahme dessen, was ich mir nicht ausgesucht hatte, erwuchs das Wissen um einen neue Art der Veränderung und eine neue Lebensweise, die ich nicht erwartet hatte. Es war eine paradoxe Veränderung“, so Beisser über seinen (nur anfänglichen) Kampf mit seiner Krankheit und den damit verbundenen sehr drastischen Konsequenzen für sein weiteres Leben.

„Es war keine Veränderung, die von Kampf, Arbeit und Mühe geprägt war, sondern eher die Entdeckung, wie es möglich ist, nicht zu kämpfen, nachzugeben, einen Schritt beiseite zu treten und die Wahrheit deutlich werden zu lassen. Es war keineswegs die tragische Wahrheit, die ich erwartet hatte“ und weiter „Ich erfuhr, dass es nicht immer nötig ist zu kämpfen, um seinen Platz in der Welt zu finden, denn ich entdeckte den Platz, den ich schon in mir hatte. Je mehr ich diesem Platz vertraut wurde und mich auf ihn verlassen konnte, desto mehr fand ich heraus, dass es auch einen Platz in der Welt für mich gab“.

Ich finde diese Zeilen bemerkenswert – vor allem in Anbetracht der Herausforderung, die Beisser auf Grund der doch sehr dramatischen Schicksalswendung bewältigen musste.

Ein Gegenüber im Kontakt

Ich weiss natürlich nicht, was passiert wäre, wenn Bucky Cantor zur richtigen Zeit die für ihn richtige Unterstützung gefunden hätte. Beisser trifft recht zufällig auf Fritz Perls, einem der Mitbegründer der Gestalttherapie. Und diese Begegnung ist richtungsweisend für ihn, und die beiden werden Kollegen und Freunde.

Beisser beschreibt sein erstes Treffen mit Perls mit den folgenden Worten:

„Was ist denn mit Ihnen passiert? Er sagte das mit solch kindlicher Unschuld und Verwunderung, dass ich es ihm nicht übel nahm. Er schien ganz einfach an dem Offensichtlichen, das einen starken Gegensatz zu dem Üblichen darstellt, interessiert zu sein“. Und weiter „Seine erfrischend freimütige Reaktion zeigte wirklich echtes Interesse. Das war erleichternd (…) Aber seine wirkliche Kraft bestand in seiner Fähigkeit, direkten Kontakt mit dem Wesentlichen der Menschen und ihren Situation herstellen zu können“.

Viel besser kann ich die Art und Weise, wie ein Gestalttherapeut als Gegenüber verfügbar sein kann nicht beschreiben.

Schicksal und was daraus entstehen kann

Für mich lerne ich von Menschen wie Beisser, was es heissen kann mit „seinem Schicksal“ umzugehen. Es vor allem erst einmal anzuerkennen und damit den vielleicht ersten und wichtigen Schritt hin zu einer Veränderung „zum Besseren“ zu ermöglichen.

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