{"id":2246,"date":"2015-12-10T17:16:26","date_gmt":"2015-12-10T16:16:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jochenguertler.de\/?p=2246"},"modified":"2015-12-10T17:16:26","modified_gmt":"2015-12-10T16:16:26","slug":"ein-tief-und-viele-hoehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jochenguertler.de\/?p=2246","title":{"rendered":"Ein Tief und viele H\u00f6hen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/SoluKhumbu2015-098.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2253\" src=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/SoluKhumbu2015-098.jpg\" alt=\"SoluKhumbu2015-098\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ich sitze kurz vor 7 Uhr am Morgen im noch fast leeren <em>dining room<\/em> in unsere Lodge in Gorak Shep und habe eine anstrengende Nacht hinter mir. Eigentlich war Wecken erst um halb Acht geplant, aber ich musste einfach raus.<\/p>\n<p>Die Nacht war eine Mischung aus nass geschwitzt sein (und das trotz etlichen Minusgrade drau\u00dfen), wilden Tr\u00e4umen (irgendwie wurde mein Lieblings-Leo entf\u00fchrt und ich war dabei und wir wurden wohl in einem Schuhladen im Einkaufszentrum festgehalten), Kopfschmerzen und Herzrasen (die H\u00f6he zeigt doch Wirkung), einem Gang aufs Klo, Wachliegen und einiger Gr\u00fcbelei.<\/p>\n<p>Neben den k\u00f6rperlichen Anstrengungen, die wir jeden Tag zu bew\u00e4ltigen haben, merke ich vor allem in solchen Momenten wie jetzt gerade, wie sehr mich auch die \u201e\u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde\u201c zus\u00e4tzlich herausfordern.<\/p>\n<p>Gerade setzt sich Georg zu mir, der wohl auch eine harte Nacht hinter sich hat und \u00fcber \u201eirre Kopfschmerzen\u201c klagt.<\/p>\n<p>Vor allem seit dem wir \u00fcber 4000 Meter H\u00f6he unterwegs sind (und das sind wir schon seit \u00fcber einer Woche) sind die Lodges doch eher \u201erustikal\u201c. Der schon beschriebene Spreeholzverhau, der \u201ehellh\u00f6rig\u201c neu definiert, die Toiletten in der Stehvariante und au\u00dfer dem <em>dining room<\/em> ist alles kalt und feucht, die Kleidung, die ich nicht in den Schlafsack packe inklusive.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzliche lasse ich mich gerne auf solche Bedingungen ein, aber gerade jetzt nerven sie mich und ich w\u00fcnsche mir ein wenig mehr Komfort und vor allem frisch gewaschene W\u00e4sche. Denn ich stinke bestialisch.<\/p>\n<p>Und die andere Seite der Medaille ist dann der Blick durch das noch halb zugefrorene Fenster. Denn dort zeigt sich auch heute morgen wieder der Himalaya in all seiner Sch\u00f6nheit. Berge so sch\u00f6n, wie sie nur sein k\u00f6nnen und ein tiefblauer Himmel, f\u00fcr den \u201etiefblau\u201c erfunden werden m\u00fcsste, wenn es das noch nicht g\u00e4be.<\/p>\n<p>Und so Tage wie der gestrige, der uns auf den Kala Patar auf 5545 Meter gef\u00fchrt hat und den ich sicherlich nicht vergessen werde.<\/p>\n<p>Los ging es um 8 Uhr und nach entspannter Wanderung erreichten wir rechtzeitig zur mitt\u00e4glichen <em>veg noodle soup<\/em> Gorak Shep, das letzte Lodge-Dorf vor dem Mount Everest und Ziel unz\u00e4hliger Wanderer aus aller Welt.<\/p>\n<p>Markus entscheidet auf Grund der perfekten Wetterbedingungen, die sich als \u201ewindstill und wolkenlos\u201c beschreiben lassen, schon heute den Aufstieg zum Kala Patar anzugehen und so machen wir uns kurz nach 13 Uhr schon wieder auf. Nur mit leichtem Gep\u00e4ck bewaffnet aber wild entschlossen.<\/p>\n<p>Die gut 500 zus\u00e4tzlichen H\u00f6henmeter bis zum Gipfel nehme ich dieses Mal schon beim Anstieg mit Hilfe meiner St\u00f6cke in Angriff und schon nach kurzer Zeit finde ich \u201emeinen\u201c Rhythmus und steige den nicht allzu steilen H\u00fcgel auf breiten Wegen langsam aber stetig bergauf.<\/p>\n<p>Ich lasse Gedanken Gedanken sein und komme fast in den von Markus beschriebenen <em>flow<\/em>. Mir kommen Bilder von meiner Heldenreise vor ein paar Jahren, h\u00f6re wie mich meine Ahnen anfeuern und sp\u00fcre wie mein Held und mein D\u00e4mon mit aufsteigen. Ich brauche Beide und es geht nur miteinander, das ist eine gute Erkenntnis, die nicht neu f\u00fcr mich ist, aber die ich gerade jetzt sehr deutlich sp\u00fcren darf.<\/p>\n<p>Oben angekommen erwarten mich schon<\/p>\n<ol>\n<li>Peter, der dieses Mal die Bergwertung gewonnen hat und schon sehr entspannt am Gipfel sitzt,<\/li>\n<li>Lawang, der wie immer lachend und mega-entspannt vor mir gegangen ist,<\/li>\n<li>gaaaaaanz viel Sonne und noooooch viel mehr Wind und vor allem<\/li>\n<li>eine tolle, tolle, tolle Sicht auf den Khumbu-Gletscher, den Mount Everest und all die anderen Riesen, deren Namen ich mir nicht merken kann.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ich klettere die restlichen Meter zur Spitze und in einer kleinen Kuhle finde ich einen recht windgesch\u00fctzen Platz mit unglaublicher Aussicht, genie\u00dfe genau diese und erwarte zusammen mit Peter und Lawang den Rest unserer <em>clearskies<\/em>-Truppe.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/DSC8334.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2250\" src=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/DSC8334.jpg\" alt=\"_DSC8334\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die lassen auch nicht lange auf sich warten, und schon bald begr\u00fc\u00dfen wir uns mit dem obligatorischen \u201eBerg heil\u201c und wenn gew\u00fcnscht Bussis und Umarmungen. Nat\u00fcrlich werden nun alle verf\u00fcgbaren Kameras gez\u00fcckt und jeder h\u00e4lt diesen Moment in der f\u00fcr ihn passenden Weise fest.<\/p>\n<p>Der Kala Patar ist wohl der Trekking-Gipfel schlechthin, und daher ist es ganz sch\u00f6n eng rund um das imagin\u00e4re Gipfelkreuz, von dem es einen \u00fcberw\u00e4ltigenden Ausblick in Richtung Mount Everest, Lothse und in die riesige Westwand des Nuptse gibt. Und in die anderen Richtung zieht der S\u00fcdgrad des Pumori fast unbegreiflich steil in den Himmel. Ich bin wieder einmal ergriffen und freue mich, das erleben zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/SoluKhumbu2015-100.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2248\" src=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/SoluKhumbu2015-100.jpg\" alt=\"SoluKhumbu2015-100\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ich lasse mich zusammen mit Markus ablichten und auch alleine. Schie\u00dfe ein Panorama nach dem anderen und wei\u00df dennoch, dass die Realit\u00e4t zum Gl\u00fcck nicht vern\u00fcnftig digitalisierbar ist. Das gedrehte Film-Selfie darf aber dennoch nicht fehlen, auch wenn dies sicherlich ein lustiger Anblick ist, so ein sich drehender und \u00fcber alle Backen grinsender Wandersmann.<\/p>\n<p>Nach gut einer Stunde steigen Markus, Christian, Andrea und ich zu einer windgesch\u00fctzteren Stelle auf gut halber H\u00f6he und genie\u00dfen die sich kontinuierlich ver\u00e4nderten Lichtspiele auf den Bergen und dem Gletschereis, das sich uns gegen\u00fcber fast 3000 Meter in die H\u00f6he t\u00fcrmt.<\/p>\n<p>Die Sonne geht langsam unter, und das Licht wechselt mal vom Gelb ins Rot, und wieder zur\u00fcck. Das Knacken des Gletschereises ist nicht zu \u00fcberh\u00f6ren und wir haben beste Sicht auf den aus unserer Perspektive doch recht \u201eeinfach\u201c aussehenden Weg rauf auf den Mount Everst: \u00dcber den Khumbu-Eisfall, dann steil die Lothse-Flanke hoch, auf dem S\u00fcdhang rechts abbiegen Richtung Everest und nach dem <em>Hillary step<\/em> die letzten Meter zum Gipfel.<\/p>\n<p>Wahnsinn, das alles mit eigenen Augen stehen zu d\u00fcrfen (und nicht nur wie vor kurzem im Kino in 3D vorgef\u00fchrt zu bekommen).<\/p>\n<p>Mir wird dennoch kalt, verabschiede mich von den anderen, die bis zum Sonnenuntergang bleiben wollen, und beginne den Abstieg zu unseren Lodge.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/DSC8452.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2249\" src=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/DSC8452.jpg\" alt=\"_DSC8452\" \/><\/a><\/p>\n<p>Mit einem Male liegen zwei Steine vor mir \u2013 mein Held und mein D\u00e4mon! Ohne zu z\u00f6gern packe ich die Beiden ein und stapele bei dieser Gelegenheit noch ein \u201estoa mandle\u201c, also ein Steinm\u00e4nnchen, mit denen urspr\u00fcnglich der Vorfahren gedacht wurde. Das tue ich sehr gerne und mit einem ehrf\u00fcrchtigen Namast\u00e9 verabschiede ich mich danach von Ihnen.<\/p>\n<p>In der Lodge angekommen erwarten mich Ellen, Christian und Katrin mit einem leckeren <em>orange tea<\/em>, den ich dankbar schl\u00fcrfe. Ich bin n\u00e4mlich ziemlich durchgefroren, doch die Aussichten des Tages waren dies sicherlich wert.<\/p>\n<p>Und keine 10 Stunden sp\u00e4ter sind wir wieder in Lobuche angelangt. Wieder in Zimmer 203, das im Vergleich zu dem Kellerloch, in dem ich die durchwachte letzte Nacht verbracht habe, geradezu paradiesisch mit Fenster und Toilette um die Ecke.<\/p>\n<p>Meine schlechte Laune von heute morgen hat sich bei strahlendem Sonnenschein schnell wieder verabschiedet und die knapp drei Stunden, die wir zum Everest Base Camp marschiert sind, waren eine echte Wohltat.<\/p>\n<p>Da wir uns au\u00dferhalb der typischen Everest-Saison befinden, die die meisten Gipfelst\u00fcrmer im April und Mai anzieht, finden wir das Base Camp einsam und verlassen vor. Ich kann mir nur mit viel Phantasie vorstellen, dass sich hier im Fr\u00fchjahr mehrere hundert Menschen in unz\u00e4hligen Zelten niederlassen um die Erst\u00fcrmung des h\u00f6chsten Punktes unserer Erde anzugehen. \u201eEinsam und verlassen\u201c wird dann vertrieben durch umtriebige Hektik, Internet-Caf\u00e9s und tonnenweise Material, ohne das sich der Everest nicht bezwingen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Trotzdem ist der Ort auf jeden Fall historisch und ich dr\u00fccke Markus alle leicht verfrorenen Daumen, dass er seine Everest-Pl\u00e4ne f\u00fcr 2017 erfolgreich umsetzen kann.<\/p>\n<p>\u00dcber Gorak Shep, von dem wir uns mit <em>veg noodle soup<\/em> und einer <em>Coke<\/em> zur Mittagszeit verabschieden, geht es dann sehr entspannt zur\u00fcck nach Lobuche.<\/p>\n<p>Dort treffe ich wieder auf einen Mitwanderer aus einer anderen Gruppe, der mich wie immer ganz euphorisch mit \u201eBarbarossa\u201c begr\u00fc\u00dft. Ich gehe davon aus, dass dies mit meinem entsprechenden Bart zu tun hat, nehme es als Kompliment und wir unterhalten uns etliche Minuten lang \u00fcber \u2013 richtig geraten \u2013 die Berge.<\/p>\n<p>Wir sind nun 12 Tage unterwegs und in einer Woche werden wir wieder in Lukla und damit zur\u00fcck in der nepalesischen Zivilisation sein. Bis dahin bleibt es aber spannend und der Island Peak zeigt immer \u00f6fters am Horizont. In meinem Gedanken ist er sowieso schon sehr pr\u00e4sent.<\/p>\n<p>Der Abend wird bei <em>veg maccaroni with cheese<\/em> und etlichen Runden UNO eine lustige Sache, doch leider muss ich auch eine schlechte Nachricht verdauen: ich habe wohl in der letzten Lodge meinen rechten Flip-Flop vergessen, so dass ich von nun an wohl einbeinig zur Toilette h\u00fcpfen muss. Aber auch dies wird mir irgendwie gelingen. Versprochen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/SoluKhumbu2015-111.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2251\" src=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/SoluKhumbu2015-111.jpg\" alt=\"SoluKhumbu2015-111\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sitze kurz vor 7 Uhr am Morgen im noch fast leeren dining room in unsere Lodge in Gorak Shep und habe eine anstrengende Nacht hinter mir. Eigentlich war Wecken erst um halb Acht geplant, aber ich musste einfach raus. 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