{"id":566,"date":"2011-12-21T10:33:31","date_gmt":"2011-12-21T09:33:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jochenguertler.de\/?p=566"},"modified":"2011-12-21T11:35:05","modified_gmt":"2011-12-21T10:35:05","slug":"der-wunsch-nach-veranderung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jochenguertler.de\/?p=566","title":{"rendered":"Der Wunsch nach Ver\u00e4nderung"},"content":{"rendered":"<p><em> <\/em><\/p>\n<p><strong>Ich w\u00fcrd ja wollen, wenn ich nur k\u00f6nnt<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201cIch w\u00fcrd ja wollen, wenn ich nur k\u00f6nnt<\/em>\u201d oder um den unvergesslichen Karl Valentin zu zitieren <em>\u201eM\u00f6gen h\u00e4tt&#8216; ich schon wollen, aber d\u00fcrfen hab ich mich nicht getraut.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wir alle haben diese S\u00e4tze so oder so \u00e4hnlich wohl schon als \u201cEntschuldigung\u201d meist uns selbst gegen\u00fcber gebraucht denke ich. Und sie enthalten meiner Meinung nach zwei wesentliche Aspekte, die auftauchen, sobald es um den Wunsch nach Ver\u00e4nderung und den Weg dorthin geht.<\/p>\n<p>Einerseits der Wunsch nach Ver\u00e4nderung: <em>\u201eIch w\u00fcrd ja wollen\u201c oder \u201eM\u00f6gen h\u00e4tt ich schon wollen\u201c.<\/em> Zwar im Konjunktiv formuliert, um den Wunsch vielleicht nicht zu dr\u00e4ngend und konkret werden zu lassen. Aber doch mit der klaren Kenntnis dar\u00fcber, was sich f\u00fcr mich \u00e4ndern sollte, wenn ich mir \u201eetwas w\u00fcnschen\u201c d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Und zum anderen aber auch die Entschuldigung und Ausrede, denn \u201e<em>d\u00fcrfen hab ich mich nicht getraut\u201e bzw. \u201ewenn ich nur k\u00f6nnt\u201c.<\/em> Denn wie soll ich beispielsweise die gew\u00fcnschte Ver\u00e4nderung erreichen, wenn ich letztendlich gar nicht daf\u00fcr verantwortlich bin, wenn sie nicht in meiner Macht liegt? Wenn der Partner oder die Partnerin, der Arbeitgeber, die Gesellschaft, Gott oder das Schicksal selbst letztendlich f\u00fcr die Situation verantwortlich gemacht werden, die den Wunsch nach Ver\u00e4nderung erzeugt?<\/p>\n<p><strong>Der Gestaltweg hin zu Ver\u00e4nderung<\/strong><\/p>\n<p>Im Rahmen meiner Abschlussarbeit w\u00e4hrend meiner Ausbildung zum Gestalttherapeuten am Gestalt-Zentrum Baden habe ich mich sehr intensiv mit eben diesem Wunsch nach Ver\u00e4nderung besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Woher kommt der Wunsch? Was l\u00e4sst Menschen nach Ver\u00e4nderung streben? Warum f\u00e4llt es oft so schwer sich auf Ver\u00e4nderung einzulassen, obwohl wir uns oft doch genau diese Ver\u00e4nderung so sehr w\u00fcnschen? Bin ich denn verantwortlich f\u00fcr meine Ver\u00e4nderungsschritte? Habe ich \u00fcberhaupt die Freiheit zu entscheiden, wohin ich mich ver\u00e4ndern will?<\/p>\n<p>Zumindest ein paar dieser Fragen habe ich im Rahmen meiner Abschlussarbeit aus gestalttherapeutischer Sicht beleuchtet und diskutiert.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte in diesem und weiteren Artikeln nun einzelne Aspekte aus meiner Abschlussarbeit aufgreifen. Nicht nur aus gestalttherapeutischer Sicht sondern auch im Sinne einer Gestalthaltung, die f\u00fcr mich in Therapie, im Coaching und im allt\u00e4glichen Miteinander unverzichtbar geworden ist.<\/p>\n<p>Beginnen m\u00f6chte ich in diesem Artikel mit dem Wunsch nach Ver\u00e4nderung. In einem zweiten Artikel werde ich mich der Frage widmen, ob wir Menschen \u00fcberhaupt die Freiheit haben uns zu ver\u00e4ndern, und welche Verantwortung dies dann auch bedeuten kann f\u00fcr jeden Einzelnen. Im dritten Teil dieser Serie werde ich verschiedene m\u00f6gliche Ver\u00e4nderungsprozesse beschreiben. Im letzten Artikel stelle ich mir dann die Frage, ob und wie ein Gestalttherapeut oder Coach seinen Klienten oder Coachee in seinem Streben nach Ver\u00e4nderung und Wachstum unterst\u00fctzen kann.<\/p>\n<p>Beginnen m\u00f6chte ich nun wie schon angedeutet mit dem Wunsch nach Ver\u00e4nderung. <em>Was bringt uns \u00fcberhaupt dazu \u201esich ver\u00e4ndern\u201c zu wollen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Der Wunsch nach Ver\u00e4nderung<\/strong><br \/>\n<em> <\/em><\/p>\n<p><em>\u201eEin gesunder Mensch ist f\u00fcr mich jemand, der guten Kontakt zur Realit\u00e4t hat:\u00a0 zu der gro\u00dfen und der kleinen Welt um ihn herum und in ihm selbst.\u201c \u2013 Bruno-Paul de Roeck<\/em><\/p>\n<p>Fritz Perls, einer der Mitbegr\u00fcnder der Gestalttherapie, \u00a0hat es meiner Meinung nach auf den Punkt gebracht: \u201eDer Wunsch nach Ver\u00e4nderung ist immer begr\u00fcndet in nicht befriedigten Bed\u00fcrfnissen\u201c.<\/p>\n<p>Und obwohl (oder gerade weil) ich mich im Folgenden vor allem mit diesem Wunsch und einem m\u00f6glichen Gestaltweg dorthin besch\u00e4ftigen m\u00f6chte, beginne ich mit dem im Gestalt-Sinne \u00a0\u201egesunden\u201c Menschen. Einem Menschen also, der \u2013 kurzum gesagt &#8211; seine Bed\u00fcrfnisse wahrnimmt und sie verantwortungsvoll f\u00fcr sich und seine Umwelt befriedigt.<br \/>\n<strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Der gr\u00fcne Luftballon<\/strong><\/p>\n<p>Im Herbst 2010 wurde ich w\u00e4hrend meiner Annapurna-Umrundung in Nepal stiller Zeuge der folgenden Szene, die f\u00fcr mich ein sehr sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr einen \u201egesunden\u201c Menschen darstellt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der mitt\u00e4glichen Rast beobachte ich ein kleines M\u00e4dchen, vielleicht 3 oder 4 Jahre alt, das vor einer H\u00fctte auf der anderen Seite der Stra\u00dfe in der Sonne sitzt. Ein Tourist hat ihr offensichtlich einen gr\u00fcnen Luftballon geschenkt und in dem Moment, in dem ich sie beobachte, ist das M\u00e4dchen voll und ganz damit besch\u00e4ftigt, den Luftballon zu ziehen, zu dehnen und irgendwie Luft hineinzublasen. Mit weit aufgeblasenen B\u00e4ckchen, hochkonzentriert und ein wenig au\u00dfer Atem bei all dem Luftballonaufblasen sitzt das M\u00e4dchen in der Sonne und hat scheinbar alles andere um sich herum vergessen.<\/p>\n<p>All die Wanderer, die in dem kleinen Dorf Rast machen. Die Ziegen, die meckernd \u00fcber die Stra\u00dfe springen. Das Geschrei der anderen Kinder, die das eine oder andere Bonbon von den m\u00fcden G\u00e4sten ergattern wollen. \u00a0Nein, es gibt f\u00fcr sie in diesem Augenblick nur diesen gr\u00fcnen Luftballon.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/DSC06909.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-577\" title=\"DSC06909\" src=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/DSC06909.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"311\" srcset=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/DSC06909.jpg 800w, https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/DSC06909-300x194.jpg 300w, https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/DSC06909-150x97.jpg 150w, https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/DSC06909-400x259.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dann mit einem Male h\u00e4lt das M\u00e4dchen inne und schaut sich suchend nach der Mutter um, die in vielleicht 5 Meter Entfernung ebenfalls vor der H\u00fctte sitzend mit dem Schneiden und Waschen von Gem\u00fcse besch\u00e4ftigt ist. Das M\u00e4dchen springt auf, geht zu ihrer Mutter und dr\u00fcckt sich f\u00f6rmlich in ihre Arme. Die Mutter unterbricht bereitwillig ihre Arbeit und spricht und lacht mit dem M\u00e4dchen.<\/p>\n<p>Nach wenigen Minuten und scheinbar genauso pl\u00f6tzlich wie zuvor l\u00f6st sich das M\u00e4dchen wieder von ihrer Mutter, sucht sich einen neuen Platz am Brunnen und widmet sich wieder ausschlie\u00dflich dem gr\u00fcnen Luftballon.<br \/>\nDoch keine 5 Minuten sp\u00e4ter verliert es erneut das Interesse daran und erblickt das Br\u00fcderchen, das gerade mit den kleinen K\u00e4tzchen spielt, die sich am Rand des Brunnen in der Sonne aalen. Das M\u00e4dchen packt den gr\u00fcnen Luftballon in ihre Tasche und geht zu ihrem Br\u00fcderchen und den K\u00e4tzchen.<br \/>\n<strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Der Mensch als sich selbst regulierender Organismus<\/strong><\/p>\n<p>Nach Fritz Perls ist der Mensch, wie jedes andere lebendige Wesen ein sich selbst regulierender Organismus, der aus zahlreichen Organen und Funktionen besteht, die alle ihren eigenen Stellenwert als Teil des Ganzen haben.<\/p>\n<p>Der Mensch als Organismus ist dabei im wahrsten Sinn des Wortes nicht \u201ealleine auf der Welt\u201c und auch nicht auf Dauer alleine und autark \u00fcberlebensf\u00e4hig. Perls redet hierbei von einer \u201eUmwelt\u201c, die jeder Organismus braucht, um \u201ewesentliche Stoffe auszutauschen\u201c. Weniger abstrakt formuliert braucht der Mensch beispielsweise und bekannterma\u00dfen Luft zum Atmen, Nahrung und Wasser. Er braucht aber auch ein soziales Umfeld und zwischenmenschliche Beziehungen. Er braucht den (non-) verbalen Austausch mit anderen und die M\u00f6glichkeit Gef\u00fchle (mit-) zu teilen, um nur ein paar \u201ewesentliche Stoffe\u201c zu nennen, die der Organismus \u201eMensch\u201c mit seiner \u201eUmwelt\u201c austauschen muss, um \u00fcberleben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein gesunder Organismus ist daher im st\u00e4ndigen Austausch mit sich und seiner Umwelt um die Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen, die innerhalb des Organismus auftauchen. Es k\u00f6nnen dabei problemlos viele Bed\u00fcrfnisse gleichzeitig existieren, im gesunden Organismus wird immer das in einem Augenblick \u201ewichtigste\u201c Bed\u00fcrfnis \u201ezuoberst\u201c auftauchen und befriedigt werden. Das alles passiert \u201eautomatisch\u201c und stellt das gesunde Leben des Organismus sicher.<\/p>\n<p>\u201eDie organismische Selbstregulation\u201c, so der Gestalttherapeut und Psychologe Gary M. Yontef, \u201eist ein Prozess, der sich st\u00e4ndig erneuert und auf Feedback und fortdauernd neuer \u00b4kreativer Anpassung` beruht\u201c. Oder wie der Gestalttherapeut Bruno-Paul de Roeck formuliert: \u201eDer Organismus l\u00e4sst immer wissen, was jetzt wichtig ist. Er \u00e4u\u00dfert seine Vorlieben. Wenn wir offenstehen f\u00fcr das, was in uns geschieht, tut er es auf offene Weise. Wenn wir die Signale unterdr\u00fccken, oder zu zensieren versuchen, tut er es auf versteckte Art\u201c.<br \/>\n<strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Kontakt, Kontaktgrenze und Kontaktzyklus<\/strong><\/p>\n<p>Der daf\u00fcr notwenige Austausch, der Kontakt, zwischen Organismus und seiner Umwelt findet an der Kontaktgrenze statt (oder nach Perls der \u201eIch-Grenze\u201c). Die Haut ist bestes Beispiel f\u00fcr die Kontaktgrenze eines Organismus. Denn die Haut trennt den Menschen (den Organismus) einerseits ab von seiner Umwelt, verbindet ihn aber gleichzeitig auch mit ihr, indem der Mensch z.B. \u00fcber seiner Haut den Wind oder Ber\u00fchrungen von anderen Menschen wahrnehmen und aufnehmen kann, oder &#8211; um es mit den Perls\u00b4schen Worten zu sagen &#8211; mit seiner Umwelt interagieren und in Austausch treten kann.<\/p>\n<p>Der von Fritz Perls, Ralph Hefferline und Paul Goodman entwickelte Kontaktzyklus beschreibt darauf aufbauend, wie ein aufkommendes Bed\u00fcrfnis, eine Situation oder eine Gestalt an der Kontaktgrenze idealtypisch befriedigt und damit abgeschlossen und integriert wird. Der Kontaktzyklus setzt sich hierbei im Wesentlichen aus vier Phasen zusammen (Vorkontakt, Kontaktnahme, Kontaktvollzug und Nachkontakt). Synonym dazu wird oft der Begriff der Kontaktkurve oder der Gestaltwelle verwendet, die meist eine etwas genauere Unterteilung des Kontaktzyklus\u00b4 beinhaltet.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/gestaltwelle.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-574\" src=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/gestaltwelle-1024x547.jpg\" alt=\"\" width=\"384\" height=\"205\" srcset=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/gestaltwelle-1024x547.jpg 1024w, https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/gestaltwelle-300x160.jpg 300w, https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/gestaltwelle-150x80.jpg 150w, https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/gestaltwelle-400x213.jpg 400w, https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/gestaltwelle.jpg 1358w\" sizes=\"auto, (max-width: 384px) 100vw, 384px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte an dieser Stelle nicht abstrakt auf die einzelne Phasen eingehen, sondern zur\u00fcck zu meinem Beispiel vom Anfang dieses Kapitels kommen.<\/p>\n<p>Zu Beginn ist das M\u00e4dchen sich selbst genug und voll und ganz mit dem gr\u00fcnen Luftballon besch\u00e4ftigt. Irgendwann bemerkt sie aber eine stetig wachsende Unruhe (Vorkontakt) und danach ihren \u201eHunger\u201c auf das Kuscheln mit der Mutter (Kontakt mit dem eigenen Bed\u00fcrfnis). Sie nimmt (Augen-) Kontakt mit ihrer Umwelt auf, die in diesem Fall vor allem aus ihrer Mutter besteht. (Kontakt mit der Umwelt). Das M\u00e4dchen steht auf und begibt sich zu ihrer Mutter und dr\u00e4ngt sich in ihre Arme (Aggression). Dort verharrt sich ein paar Minuten und genie\u00dft das Geborgensein bei der Mutter (Assimilation und Integration). Danach steht sie wieder auf, begibt sich zu dem Brunnen und widmet sich wieder dem gr\u00fcnen Luftballon (Nachkontakt), bis ein neues Bed\u00fcrfnis auftauchen wird, in unserem Fall, das Br\u00fcderchen und die kleinen K\u00e4tzchen, die sich in der Sonne aalen.<\/p>\n<p><strong>Der gesunde Mensch<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Beispiel mag zugegebenerma\u00dfen sehr einfach sein, es zeigt aber meiner Meinung nach sehr gut, was es hei\u00dft, wenn ein Mensch ein sich ihm zeigendes Bed\u00fcrfnis im Austausch mit seiner Umwelt befriedigt und integriert. Um sich danach dem n\u00e4chsten Bed\u00fcrfnis, der n\u00e4chsten Situation, der n\u00e4chsten Gestalt zu widmen. Und dadurch im Fluss des Lebens, des Augenblickes ist. Im Kontakt mit sich und seiner Umwelt.<\/p>\n<p>Solange dies geschieht, ist der Mensch im gestalttherapeutischen Sinne gesund und wird kaum den Wunsch nach Ver\u00e4nderung sp\u00fcren oder daf\u00fcr gar Unterst\u00fctzung bei einem Therapeuten suchen. \u201eEin v\u00f6llig gesunder Mensch\u201c, so Fritz Perls, \u201ef\u00fchlt sich und die Wirklichkeit ganz und gar.\u201c<br \/>\n<strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Unbefriedigte Bed\u00fcrfnisse. Unvollendete Gestalten<\/strong><\/p>\n<p>Doch was passiert, wenn der Kontaktzyklus nicht in seiner idealtypischen Weise ablaufen kann? Wenn es zu Kontaktst\u00f6rungen kommt?<\/p>\n<p>Wenn das M\u00e4dchen beispielsweise ihr Bed\u00fcrfnis nach k\u00f6rperlicher N\u00e4he mit ihrer Mutter zwar wahrnimmt, sich aber nicht traut, auf die Mutter zuzugehen, weil sie am Gesichtsausdruck der Mutter zu erkennen glaubt, dass diese gerade keine Zeit daf\u00fcr hat. Oder weil die Mutter in \u00e4hnlichen Situationen zuvor abweisend reagiert hat. Oder wenn tats\u00e4chlich niemand da ist, und das M\u00e4dchen sich zwangsl\u00e4ufig selbst versorgen muss? Oder wenn das M\u00e4dchen zwar auf die Mutter zugeht, diese sich aber abwendet, weil sie gerade zu sehr mit der Zubereitung des Essens besch\u00e4ftigt ist?<\/p>\n<p>Die Konsequenz f\u00fcr das M\u00e4dchen ist in allen F\u00e4llen die gleiche: ihr Bed\u00fcrfnis, ihr Wunsch nach k\u00f6rperlicher N\u00e4he, nach Geborgenheit, wird nicht in dem Ma\u00dfe befriedigt, wie sie es in diesem Augenblick gebraucht h\u00e4tte. Es bleibt ein unbefriedigtes Bed\u00fcrfnis, eine im gestalttherapeutischen Sinne ungeschlossene Gestalt zur\u00fcck. Die in unserem Beispiel nat\u00fcrlich nicht zwangsweise zu einem \u201eechten\u201c und nachhaltigen Problem f\u00fcr das M\u00e4dchen werden muss. Nichtsdestotrotz aber im Organismus des M\u00e4dchen \u201estecken\u201c bleibt, und \u00e4hnlich wie ein unverdautes Essen \u201eschwer im Magen\u201c liegen kann.<br \/>\n<strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Wir Neurotiker<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben alle hunderte, wenn nicht tausende solcher ungeschlossenen Gestalten in uns. Das ist so, und grunds\u00e4tzlich auch kein Grund zur Besorgnis. Und dennoch k\u00f6nnen sie uns daran hindern, ein Bed\u00fcrfnis, dass sich jetzt gerade, in diesem Augenblick zeigt, in einer f\u00fcr uns in diesem Augenblick angemessen Art und Weise befriedigen zu k\u00f6nnen. Weil die ungeschlossenen Gestalten \u201enachwirken\u201c und uns von einem gegenw\u00e4rtigen Erleben abhalten.<\/p>\n<p>Indem wir unser Bed\u00fcrfnis im Extremfall beispielsweise gar nicht mehr wahrnehmen, weil wir vielleicht zu oft erlebt haben, dass wir es im Kontakt mit der Umwelt nicht in einer f\u00fcr uns befriedigenden Art und Weise aufl\u00f6sen k\u00f6nnen. Oder indem wir Tricks und Kniffe entwickeln, uns Rollen aneignen oder Spielchen spielen, um von unserer Umwelt das zu bekommen, war wir eigentlich ben\u00f6tigen, es aber nicht eigenverantwortlich befriedigen k\u00f6nnen oder wollen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Fritz Perls sind wir dann Neurotiker: &#8222;Ich nenne jeden Menschen neurotisch, der seine Kraft darauf verwendet, andere zu manipulieren und sich weigert, selbst zu wachsen\u201c.<br \/>\n<strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Konsequenzen<\/strong><\/p>\n<p>Das kleine M\u00e4dchen, dass ihr Bed\u00fcrfnis nach k\u00f6rperlichen N\u00e4he und Geborgenheit mit der Mutter oder ihrem (famili\u00e4ren) Umfeld nie oder viel zu selten gem\u00e4\u00df der obigen Gestaltwelle befriedigen konnte, kann unter Umst\u00e4nden auch als erwachsene Frau Probleme haben, dieses Bed\u00fcrfnis in einer Beziehung oder Freundschaft zu zeigen und auf eine f\u00fcr sie gute Art und Weise zu befriedigen.<\/p>\n<p>Weil sie als Kind vielleicht gelernt hat, genau dieses Bed\u00fcrfnis zu verdr\u00e4ngen. Gelernt hat, sich in diesem Punkt lieber selbst zu versorgen, anstelle das im Kontakt mit ihrer Umwelt und anderen Menschen zu tun. Gelernt hat ohne N\u00e4he und Geborgenheit auszukommen. Und als erwachsene Frau dann vielleicht zur\u00fcckhaltend, introvertiert, \u201everkopft\u201c oder emotionslos auf andere wirkt. Und sich selbst wohl so einsch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Oder weil sie als Kind gelernt hat, dass ihr Bed\u00fcrfnis nur dann von der Mutter oder ihrem (famili\u00e4ren) Umfeld gestillt wird, wenn sie brav und flei\u00dfig war. Oder sich besonders h\u00fcbsch gemacht hat. Oder anderweitig \u201eLeistung\u201c erbracht hat daf\u00fcr. Und als erwachsene Frau dann vielleicht von einem nie zu erf\u00fcllenden Leistungsanspruch sich selbst gegen\u00fcber getrieben ist.<br \/>\n<strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Der Wunsch nach Ver\u00e4nderung<\/strong><\/p>\n<p>An diesem Punkt sind wir wieder am Beginn des Kapitels angekommen. Bei dem Wunsch nach Ver\u00e4nderung auf Grund unbefriedigter Bed\u00fcrfnisse.<\/p>\n<p>Und dieser Wunsch l\u00e4sst die Frau vielleicht zu guter Letzt an der T\u00fcr eines Gestalttherapeuten klingeln. Weil sie \u201eunzufrieden\u201c mit sich ist. Weil sie eben nicht mehr introvertiert und emotionslos sein m\u00f6chte. Weil sie sp\u00fcrt, dass ihr eigener Leistungsanspruch sie fr\u00fcher oder sp\u00e4ter in den Burn-Out treiben wird oder sie schon genau dort ist. Weil sie wegkommen m\u00f6chte von den Rollen und Spielchen, auf die sie keine Lust mehr hat, aber dennoch immer weiter spielt.<\/p>\n<p><em>Diesen Artikel als PDF zum Download gibt es <a href=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Teil-1-Der-Wunsch-nach-Ver\u00e4nderung.pdf\">hier<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich w\u00fcrd ja wollen, wenn ich nur k\u00f6nnt \u201cIch w\u00fcrd ja wollen, wenn ich nur k\u00f6nnt\u201d oder um den unvergesslichen Karl Valentin zu zitieren \u201eM\u00f6gen h\u00e4tt&#8216; ich schon wollen, aber d\u00fcrfen hab ich mich nicht getraut.\u201c Wir alle haben diese S\u00e4tze so oder so \u00e4hnlich wohl schon als \u201cEntschuldigung\u201d meist uns selbst gegen\u00fcber gebraucht denke [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":587,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[17,6,18,9,8],"class_list":["post-566","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-blog","tag-gestalt","tag-gestaltarbeit","tag-kontakt","tag-perls","tag-veranderung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.jochenguertler.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/566","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.jochenguertler.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.jochenguertler.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.jochenguertler.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.jochenguertler.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=566"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.jochenguertler.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/566\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.jochenguertler.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/587"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.jochenguertler.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=566"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.jochenguertler.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=566"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.jochenguertler.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=566"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}