{"id":599,"date":"2012-01-02T08:50:59","date_gmt":"2012-01-02T07:50:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jochenguertler.de\/?p=599"},"modified":"2012-01-06T21:44:39","modified_gmt":"2012-01-06T20:44:39","slug":"freiheit-und-verantwortung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jochenguertler.de\/?p=599","title":{"rendered":"Freiheit und Verantwortung"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem ich im <a href=\"..\/?p=566\">ersten Teil<\/a> beschrieben haben, woher der Wunsch nach Ver\u00e4nderung im Gestaltsinne komme, m\u00f6chte ich mich nun der Frage widmen, ob der Mensch \u00fcberhaupt die Freiheit hat, \u201esich zu ver\u00e4ndern\u201c. Und wer letztendlich die Verantwortung daf\u00fcr tr\u00e4gt.<br \/>\n<strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Schicksal und was daraus entstehen kann<\/strong><\/p>\n<p>Arnold Beisser ist 25 Jahre alt und auf dem Weg nach Europa, in dem gerade der 2. Weltkriegt w\u00fctet, um dort als Kriegsberichterstatter zu arbeiten, als er v\u00f6llig \u00fcberraschend an Polio (Kinderl\u00e4hmung) erkrankt, einer zu dieser Zeit noch unheilbaren Krankheit.<\/p>\n<p>Bis dahin lebte er den amerikanischen Traum vom \u201eAlles ist m\u00f6glich, wenn man es nur versucht\u201c. Er ist nationaler Tennis-Champion und einer der j\u00fcngsten Professoren der amerikanischen Universit\u00e4ts-Geschichte. Von heute auf morgen ist Beisser fast komplett gel\u00e4hmt und f\u00fcr viele Monate an die \u201eeiserne Lunge\u201c gefesselt, die ihn zu Beginn seiner Krankheit am Leben erh\u00e4lt. Mit einem Mal ist sein bisher so geradlinig und zielstrebig geplantes Leben dahin, ein Schicksalsschlag, der sein Leben auf nachhaltigste Weise ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Er trifft irgendwann auf Fritz Perls und wird ihm Freund und Sch\u00fcler. Seine paradoxe Theorie der Ver\u00e4nderung (auf die ich an sp\u00e4terer Stelle noch eingehen werde), wonach Ver\u00e4nderung nicht dadurch geschieht, indem man sich darauf konzentriert, etwas unbedingt \u00e4ndern zu wollen, sondern indem man zuallererst akzeptiert was ist, wird ein zentraler Bestandteil der modernen Gestalttherapie. Er leitet, an den Rollstuhl gefesselt, f\u00fcr viele Jahre eine psychiatrische Klinik, hat Frau und Familie und stirbt 1990 nach einem erf\u00fcllten und reichen Leben.<\/p>\n<p>Bucky Kantor ist ungef\u00e4hr im gleichen Alter wie Beisser, als er im Jahr 1944 ebenfalls an Polio erkrankt. Er ist Sportlehrer und begnadeter Turmspringer und betreut zu diesem Zeitpunkt in Newark Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler w\u00e4hrend deren Sommerferien. Viel lieber w\u00e4re er aber wie alle seine Freunde an der Front in Europa. Aufgrund seiner extremen Kurzsichtigkeit aber wurde er als untauglich eingestuft. Eine \u201eSchmach\u201c, die ihm schwer zu schaffen macht, und die er mit einem beinahe krankhaften (neurotischen?) Verantwortungsbewusstsein f\u00fcr seine Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler auszugleichen versucht.<\/p>\n<p>Auch Kantor muss f\u00fcr viele Monate in die \u201eeiserne Lunge\u201c, und ist danach f\u00fcr immer \u201eein Kr\u00fcppel\u201c, wie er selbst sagt. Er ist zwar an keinen Rollstuhl gebunden, kann sich aber nur noch mit Kr\u00fccken und unter gr\u00f6\u00dften Kraftanstrengungen bewegen.<\/p>\n<p>Obwohl ihm seine Verlobte ihre Liebe mehrfach beteuert und ihn ohne Z\u00f6gern auch mit seiner Behinderung heiraten will, vertreibt er sie aus seinem Leben und wird ein eigenbr\u00f6tlerischer und frustrierter Mann, der alleine Gott f\u00fcr sein Schicksal verantwortlich macht. Er stirbt nach vielen Jahren einsam und verbittert mit der tiefen \u00dcberzeugung, dass Gott und die Welt gegen ihn waren.<\/p>\n<p>Bucky Cantor ist im Gegensatz zu Arnold Beisser keine reale Person, sondern\u00a0 die Erfindung von Philip Roth, der Bucky\u00b4s Geschichte in seinem Roman \u201eNemesis\u201c erz\u00e4hlt (dessen Lekt\u00fcre ich nur empfehlen kann, auf den ich aber an dieser Stelle nicht weiter eingehen werde). Mehr oder weniger zuf\u00e4llig habe ich Arnold Beisser\u00b4s Autobiografie \u201eWozu brauche ich Fl\u00fcgel\u201c und Bucky Cantor\u00b4s Nemesis parallel gelesen. Zwei mehr oder weniger identische Schicksale mit so unterschiedlichen Auswirkungen f\u00fcr das weitere Leben der beiden Betroffenen.<br \/>\n<strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Hineingeworfen ins Leben<\/strong><\/p>\n<p>Sowohl der reale Lebenslauf Beisser\u00b4s als auch der fiktive Cantor\u00b4s zeigen, dass ein Mensch nat\u00fcrlich \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen unterworfen ist.<\/p>\n<p>Eine pl\u00f6tzliche, schwere Krankheit, der \u00fcberraschende Verlust des Arbeitsplatzes, der unerwartete Tod eines mir wichtigen Menschen. Das alles sind Ereignisse, die letztendlich nicht in unserer Macht stehen. Genauso wenig wie wir uns unsere Eltern (und deren Erziehungsmethoden) aussuchen konnten, oder die Zeit, das Land und die gerade herrschenden Umst\u00e4nde, in die wir durch unsere Geburt \u201ehineingeworfen\u201c wurden. Wir alle sind st\u00e4ndig materiellen, politischen und sozialen Umst\u00e4nden unterworfen, die wir h\u00e4ufig auch nicht \u00e4ndern k\u00f6nnen (zumal nicht in jedem von uns ein Mahatma Ghandi oder Martin Luther King steckt).<\/p>\n<p>Dieses scheinbare \u201eAusgeliefertsein\u201c steht nun im auf den ersten Blick krassen Gegensatz zu der Aussage von Fritz Perls, f\u00fcr den \u201edie volle Verantwortung f\u00fcr sein Leben zu \u00fcbernehmen\u201c die Grundvoraussetzung f\u00fcr Ver\u00e4nderung und pers\u00f6nlichem Wachstum ist.<br \/>\n<strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Existenzialismus<\/strong><\/p>\n<p>In dieser Aussage wird der Einfluss des Existenzialismus auf die Gestalttherapie deutlich. Der Mensch hat dabei zwar grunds\u00e4tzlich immer die Freiheit zu entscheiden, nur meist in einem mehr oder weniger eng gesteckten Rahmen. Er ist, wie es Jean-Paul Sartre etwas \u00fcberspitzt formuliert, \u201everurteilt frei zu sein. Verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, andererseits aber dennoch frei, da er, einmal in die Welt geworfen, f\u00fcr alles verantwortlich ist, was er tut.&#8220;<\/p>\n<p>Das Sartre-Zitat l\u00e4sst ahnen, warum das Bewusstsein von Verantwortung so oft eher als belastend, denn als befreiend empfunden wird. Denn die Welt, in der ich Verantwortung \u00fcbernehmen soll, kann ich mir nicht oder nur in sehr eingeschr\u00e4nktem Masse selbst w\u00e4hlen. Und oft sind die verbleibenden M\u00f6glichkeiten so, dass man sich der Verantwortung lieber entziehen m\u00f6chte, statt sie mit allen Konsequenzen zu tragen.<\/p>\n<p>Bucky Cantor hat sich dieser Verantwortung entzogen, indem er alleine Gott verantwortlich macht. Arnold Beisser stellt sich irgendwann dieser Verantwortung. Wer wei\u00df was passiert w\u00e4re, wenn auch Bucky Cantor zur richtigen Zeit auf Fritz Perls getroffen w\u00e4re?<br \/>\n<strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Freiheit und Verantwortung<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben als Mensch offensichtlich oft nicht die Freiheit, die Umst\u00e4nde, in denen wir leben, zu w\u00e4hlen, und wir tragen oft auch nicht die Verantwortung daf\u00fcr. Wir haben aber als Mensch immer die Freiheit <em>und<\/em> die Verantwortung uns zu entscheiden, <em>wie<\/em> wir auf diese Umst\u00e4nde antworten oder reagieren, welche Bedeutung wir ihnen geben. Diese Freiheit und Verantwortung kann man einem Menschen nicht abnehmen. Man kann sie ihm aber auch nicht wegnehmen, es sei denn man bringt ihn um den Verstand oder um sein Leben.<\/p>\n<p>Der Klient, der mit dem Wunsch nach Ver\u00e4nderung zu einem Gestalttherapeuten kommt, wird oft genau diese Verantwortung nicht \u00fcbernehmen wollen, aber wohl auch die damit verbundene Freiheit nicht sehen.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zu einer nachhaltigen und ganzheitlichen Ver\u00e4nderung kann es dann ein wichtiger Schritt sein, ihm diese Verantwortung \u201eaufzub\u00fcrden\u201c, zuzumuten aber auch zuzutrauen. Ihm aber gleichzeitig immer und immer wieder auch seine Freiheit und die damit verbundenen Wahlm\u00f6glichkeiten im Hier und Jetzt bewusst zu machen. Denn \u201eohne Bewusstheit\u201c, so Fritz Perls, \u201egibt es keine Kenntnis einer Wahlm\u00f6glichkeit\u201c.<\/p>\n<p>Ich habe daf\u00fcr immer das Bild einer Weggabelung vor mir. Und vielleicht ist der Weg vom Wunsch nach Ver\u00e4nderung hin zu Ver\u00e4nderung und Wachstum auch ein kontinuierliches Bewusstmachen von genau dieser Entscheidungsfreiheit, ob es \u201elinks\u201c oder \u201erechts\u201c weitergeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Screen-shot-2012-01-02-at-8.46.53-AM.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-604\" src=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Screen-shot-2012-01-02-at-8.46.53-AM.png\" alt=\"\" width=\"419\" height=\"271\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p>Oder um es mit den Worte von Fritz Perls zu sagen: \u201eSolange man ein Symptom bek\u00e4mpft wird es schlimmer. Wenn man Verantwortung \u00fcbernimmt f\u00fcr das, was man sich selber antut, wie man seine Symptome hervorbringt, wie man seine Krankheit hervorbringt, wie man sein ganzes Dasein hervorbringt \u2013 in dem Augenblick, in dem man mit sich selbst in Ber\u00fchrung kommt \u2013 beginnt Wachstum, beginnt die Integration, die Sammlung\u201c.<\/p>\n<p><em>Diesen Artikel als PDF zum Download gibt es <a href=\"https:\/\/www.jochenguertler.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/Teil-2-Freiheit-und-Verantwortung.pdf\">hier<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich im ersten Teil beschrieben haben, woher der Wunsch nach Ver\u00e4nderung im Gestaltsinne komme, m\u00f6chte ich mich nun der Frage widmen, ob der Mensch \u00fcberhaupt die Freiheit hat, \u201esich zu ver\u00e4ndern\u201c. Und wer letztendlich die Verantwortung daf\u00fcr tr\u00e4gt. 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